Etikette: Umgang mit Büchern

Da fällt mir doch dieser Tage der Knigge „Einmaleins des guten Tons“, Jahrgang 1955 in die Hände…ja richtig: 1955. Also noch recht aktuell wie ich finde…Autorin des „praktischen Ratgebers“ ist Frau Dr. Gertrud Oheim.

 

Und rein zufällig entdecke ich das Thema „Umgang mit Büchern“. Da heißt es: „Es wird heute mit Recht oft darüber geklagt, dass der moderne Mensch nicht mehr richtig lesen kann. Ja, er liest Zeitschriften, Zeitungen und Bücher in Fülle, aber diese Fülle ist es eben, die ihn über das meiste nur hinweg gleiten und zur inneren Beschäftigung mit dem Gelesenen gar nicht kommen lässt. Er liest, um sich abzulenken, um sich zu entspannen, sogar um einschlafen zu können – wie weit ist das alles entfernt von dem wirklichen Erarbeiten des Gelesenen und einem wirklich geistigen Gespräch mit dem Buch!“ (…)

 

Ist das nicht bemerkenswert? Erst einmal die Tatsache, dass Der Umgang mit Büchern überhaupt Erwähnung findet. Man spricht ja heutzutage vom Umgang miteinander, Umgang mit Geld, mit der Sprache…aber Bücher? Bücher werden gekauft, gelesen und zum Verstauben ins Regal gestellt. Wenn das Buch Glück hat, wird es weitergereicht (und meistens nicht zurückgegeben) und dann erst zum Verstauben verdammt, ins Regal gestellt. Wenn es ganz schlimm kommt, wird es herzlos der Altpapiertonne zugeführt. DAS ist unser Umgang mit Büchern, nicht wahr? Ich meine, Bücher sind Gott sei Dank – zumindest als Geschenk – noch immer sehr beliebt. Ich hatte zu Beginn des Internett- Zeitalters schon schreckliche Visionen, dass ich eines Tages zu 1001 pilgere und dort alles zu kaufen finde, außer…Büchern. Mitten im Buchladen in Essen und kein einziges Buch mehr! Das waren die reinsten Alpträume mitten am Tag…Gott sei Dank haben sich meine übelsten Befürchtungen bisher nicht bewahrheitet.

 

Die Unterstellung Frau Dr. Oheims, dass lesen nicht gleich lesen bedeutet, kann ich nicht entkräften. Und schon gar nicht, dass wir Gelesenes erarbeiten oder gar ein geistiges Gespräch mit dem Buch führen.

 

Das ist grandios. Ein geistiges Gespräch mit einem Buch führen!

 

Ich fühle ich mich spontan überfordert. Ich überlege ganz angestrengt…geistige Gespräche…mit Büchern…wann zuletzt…? Überhaupt schon einmal…? Bei erstem Visualisierungsversuch dieser Annahme sehe ich mich vor einem Buch sitzend, sprichwörtlich mit demselben ins Gespräch vertieft. Worauf hin ein teilnahmsvoller Nachbar ein Einsehen hat und die 112 wählt. Männer in weißen Kitteln stehen in der Tür…

 

Hmmmmmmmmmmmmmm…..

 

Da fällt mir etwas ein: Ich schalte das Radio aus. Ich schalte den Fernseher aus. Ich schalte den Computer aus. Ich schalte die Stereoanlage aus. Ich schalte das Telefon ab. Ich schalte den Wasserkocher ab. Ich schalte den schnarchenden Hund ab. Und dann lausche ich…höre genau hin, wo es scheinbar nichts zu hören gibt…schließe die Augen…und höre…höre plötzlich – in ganz weit entfernten Winkeln meines Unterbewusstseins – Stimmen aufkeimen. Kleinste, akustische Fragmente machen sich bemerkbar. Sie klingen etwas verstimmt, als ob sie schon seit längerer Zeit um mehr Geltung, mehr Beachtung gekämpft haben…die Interpunktion ist es, kommt mir bekannt vor…hmmm…sie schimpfen mit mir! Das ist es! Sie schimpfen, dass ich erst jetzt zuhöre…und so langsam wird mir das eine und andere klar…geistige Gespräche habe ich zuletzt weder mit Büchern geführt noch mit mir selbst. Aber das wird jetzt anders dank Frau Dr. Oheim! Ab sofort werde ich mit Büchern (und vielleicht auch mit mir selbst) Gespräche führen. Dabei wird es mir egal sein, was die Nachbarn denken. Spätestens in der Notaufnahme werde ich auf Frau Dr. Oheim verweisen. Irgendjemand wird sich ihrer bestimmt erinnern und ihr Recht geben: Jeder Mensch hat das Recht auf Gespräche, mit wem auch immer!

Ich werde ab sofort auch den Umgang mit meinen Büchern neu pflegen. Ich werde ganz bestimmt auch „(…) höflich und zart sein zu meinen Büchern. Für den wirklichen Bücherfreund sind Bücher nicht nur eine Ansammlung von bedruckten Blättern, sondern lebendige Wesen, die zu ihm sprechen, ihn beglücken oder ängstigen, fesseln oder langweilen, traurig stimmen oder erheitern (…).“

 

Also denken auch Sie bitte daran, wenn Ihnen demnächst Bücher als Weihnachtsgeschenke in den Sinn kommen. Überlegen Sie genau, wem Sie welches Buch schenken: Geben Sie jedem Buch eine echte Chance!

 

Vorweihnachtliche Grüße,

Frau Oelmann.

 

P.S.: Ich werde bei der nächsten Redaktionssitzung bei www.cybergolf.de den Vorschlag machen, ob es nicht sinnvoll ist – im Hinblick auf die nächste Golfsaison – auf der Titelseite eine Serie über das „Einmal eins des guten Tons“ zu bringen, wenn ich sehe, dass Frau Dr. Oheim u. a. auch „Das Verhalten beim Spiel“ oder auch „Die Kunst der Menschenbehandlung“ thematisiert. Dass die Etikette auch auf dem Golfplatz zu wünschen übrig lässt, hat doch schließlich seinen Ursprung…

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