Golfsport: Das große Missverständnis vom Breitensport – Teil 3

Heute: Das Handicap

panem et circenses: Der Wettkampf ist seit jeher ein probates Mittel, die Menschen in seinen Bann zu ziehen. Das erkannten schon die alten Römer und boten Spiele an, welche das Volk ablenken, einlullen sollte, bevor es auf dumme Gedanken kommt. Einerseits. Andererseits wurden vermeintlich nicht alle versklavten Gladiatoren zum Todeskampf gegen eine Horde Löwen gezwungen. Es sollen sich auch immer wieder Freiwillige gemeldet haben. Im Falle eines Sieges winkte göttlicher Ruhm. Liegen hier möglicherweise die Wurzeln für das Handicap-Verständnis bei uns im Land begraben?

Einen Großteil meines Lebens habe ich dem Amateursport, vornehmlich Breitensportarten gewidmet. Viele Jahrzehnte erlebte ich so ziemlich allen Höhen und Tiefen sportlicher Entwicklung. Aber selten habe ich dabei etwas Vergleichbares erlebt, wie bei der Handicap-„Jägerei“ im Golfspiel. Für mein sportliches Empfinden gibt es da ein zerrüttetes Verhältnis des Spielers zu seinem Spielergebnis. Erst einmal Blut geleckt, muss das Handicap runter, koste es, was es wolle. Insbesondere auch an Material, an Golflehrerstunden, usw. Aber seltsamerweise sind es nur einige wenige Ausnahmen, die – wie in jeder anderen Sportart geradezu selbstverständlich – regelmäßig trainieren. Woher rührt der Irrtum, das ein verbessertes Golfspiel Gottgegeben ist und ohne Training eines Tages einfach passiert? Diesem Thema widme ich mich dann ein anderes Mal.

Wie ist diese Hörigkeit gegenüber einem monopolistischen Verband zu Stande gekommen, wenn es um das Handicap geht? Simpler Spieltrieb kann es nicht sein. Ich vermute, dass es doch eher am Status quo liegt: Mein Haus, mein Auto, mein Handicap. Diese Vermutung überkam mich irgendwann zwangsläufig, nachdem ich immer wieder den Sinn und die Motivation (den zum Teil in meinen Augen übertriebenen Antrieb) in Bezug auf das Handicap hinterfragt habe. Angeblich hatte Herr Dr. Stableford sich diese Rechnerei in erster Linie zur Vergleichbarkeit von Spielstärken ausgedacht, aber meiner Meinung nach spiegelt das HCP selten die realistische Spielstärke wieder. Wie oft vernahm ich, dass man „ausgerechnet heute einen schlechten Tag!“ hatte und sein vermeintliches HCP nicht spielen konnte… Hatte Herr Dr. Stableford eigentlich eine Vorstellung davon, was er mit seinem Punktesystem bei uns auslösen würde? Die vielen Golfspieler, die ich in meinem ersten Clubjahr kennen lernte, sind zumeist Selbständige der Wirtschaft, Freiberufler, Künstler. Das muss man sich einmal ganz deutlich vor Augen führen: Kreative Freidenker, die sich von einem oktroyierten Zählsystem aus den intellektuellen Angeln heben lassen.

Wenn Sie mich fragen, wäre es an der Zeit, die RESET- Taste zu drücken. Alles auf Null, wie z. B. in der Breitensportart Fußball. Neue Saison, neues Glück. Zu rigoros, nicht so gut? OK! Anderer Vorschlag. Pari- Prinzip: Unterspielungen werden exakt so bewertet wie HCP- Verbesserungen. Funktioniert so nicht? Auch gut. Dann rechnen wir halt gar nicht mehr um, back to the roots, jeden Schlag einfach zählen, Zählspiel eben. Na? Es wäre doch so unglaublich einfach und dabei auch noch so realistisch.

Aber da liegt wohl das Haar in der Suppe. Es soll nicht realistisch sein, sonst merkt ja noch einer was und die fortschreitende Volksverblödung gerät ins Stocken. Das darf natürlich nicht sein.

Das Handicap als Statussymbol. Wenn Sie mich fragen, besteht da noch immer ein schwer wiegender Gegensatz zum Breitensport. Der DGV plant, noch viel mehr 9-Loch-Stableford-Turniere ins Leben zu rufen, um noch viel mehr Menschen der Handicap-„Jägerei“ zuzuführen. Diesbezüglich müsste er meiner Meinung nach gleichzeitig auch Öffentlichkeitsarbeit leisten. Aufklärung über Sinn und Unsinn des Handicap betreiben und gegebenenfalls auf Risiken und Nebenwirkungen dieser Jagd-Variante hinweisen (sollte ich eines Tages mein natürliches Verständnis für ein Spielergebnis verlieren, muss ich ja wissen, an welches Fundbüro ich mich zu wenden habe). Aber ich bin sicher, dass sich alles nur um ein großes Missverständnis handelt…

Symbolische Grüße,

Frau Oelmann.

**In orange markierte Zitate sind dem Positionspapier des DGV aus September 2007 entnommen. Dieses Papier kann jedermann auf der Internetseite des DGV einsehen.

www.cybergolf.de

11 Kommentare

  1. Frau Oelmann said,

    9. März 2010 um 20:15

    Lieber Herr Thiede,
    dann also Medal Play, eine gute Wahl, so sei es!

    Eine alte ZEN-Weisheit verspricht: „Sitze still, ohne etwas zu tun, der Frühling kommt und das Gras wächst von selbst.“
    Warten wir also in Ruhe ab, was von selbst geschieht. Währenddessen suche ich uns „einen Platz der Mitte“ aus.

    À bientôt, liebe Grüße,
    Frau Oelmann

  2. ulric thiede said,

    9. März 2010 um 16:57

    Liebe Frau Oelmann,

    gute Idee und absolut einverstanden, und dann kann und soll es eben das echte, ehrliche Medal Play (was doch schon sprachlich schöner als deutsch Zählspiel klingt). Sie haben die Wahl des Golfplatzes, der zwischen Ihrem Wohnort und Bielefeld liegen sollte, wobei ich langes Autofahren vor dem Match vermeiden möchte. Termin nicht vor Ende Mai, da ich mich im April und auch noch im Mai erst einspielen möchte. Unser bergiger Platz hat leider eine kurze Saison von Mai bis Oktober.

    Herzlichen Gruß

    Ulric Thiede

  3. Frau Oelmann said,

    7. März 2010 um 20:10

    Lieber Herr Thiede,
    vielen Dank für Ihre Worte, die mir sehr schmeicheln.

    Hmm…diese Wette anzunehmen, hielte ich für ziemlich gewagt. Würde es allerdings dazu führen, dass wir diese eines Tages einmal auf einer gemeinsamen Runde ausspielten, wäre es mir das Wert. Die Wahl der Spielform überlasse ich Ihnen, so lange wir good old Stableford nicht bemühen! ;-)

    Herzliche Grüße,
    Frau Oelmann

  4. ulric thiede said,

    7. März 2010 um 17:12

    und ich wette mit Ihnen, daß Sie Jahr für Jahr mehr Golfer treffen, die Zählspiel hassen und nur noch Stableford spielen wollen, aber das dauert natürlich einige Spielsaisons, die Sie unbeschwert noch vor sich haben.

    Wenn Sie weiter Zählspiel lieben und pflegen, vor allem auf Offenen Wettspielen, werden Sie bald sich herunterspielen und mit Verve und Engagement eine begehrte Golf-Lady werden, ich meine, als Golf-Partnerin … honni soit qui …. :-)

  5. Frau Oelmann said,

    5. März 2010 um 16:27

    Verehrter Herr Thiede,
    ich darf Ihnen sagen, dass ich selten böse bin, die ganze Wahrheit zu erfahren. Insbesondere auch, da ich mich in meiner bisherigen, 2-jährigen Golfkarriere evtl. noch als Frischling sehen und noch viel lernen darf?!

    Das Handicap als solches ist in meinen Augen ein schönes Thema, welches umfangreiche Ausschweifungen nicht nur zulässt, sondern nahezu erforderlich macht.

    Sie haben recht, Sport ohne Handicap ist schwer vorstellbar. Insbesondere für jemanden wie mich, der dem Amateursport über Jahrzehnte hinweg huldigte. Es ging mir lediglich um das – wie ich es nannte – „zerrüttete Verhältnis eines Spieler zu seinem Spielergebnis“ sowie um die Bedeutung des eigenen „Handicap als Statussymbol“. So etwas finden Sie selten im Breitensport.

    Ich danke Ihnen für Ihre Gedanken diesbezüglich, worüber ich mir selbstverständlich dieselben machen werde. Kontroverse ist mir hin und wieder angenehmer, als Konsens (dafür sorgt unsere Politik bereits äußerst hinreichend), da oftmals konstruktivere Ergebnisse zu Stande kommen.

    Herzliche Grüße,
    Frau Oelmann

    Übrigens, bei allem Respekt als Frischling. Ich halte die Spielform Zählspiel nach wie vor für sehr schlicht: Ein Schlag, ein Punkt und fertig (mal unabhängig davon, dass ein Turnier womöglich etwas länger dauern könnte). Das Schwierige dabei scheint mir lediglich die Tatsache, dass der stete Tropfen eventuell dann nicht mehr wie gewohnt den Stein höhlt…

  6. ulric thiede said,

    4. März 2010 um 19:56

    Nicht bösgemeint, aber in ihrem Artikel ist ein Irrtum zu berichtigen, was den guten Dr. Stableford betrffit. Er hat sich das Umrechnen von Schlag-zahlergebnissen in Brutto- oder Netto-Punkte nicht etwa ausgedacht, um die Speilstärken vergleichbar zu machen, sondern er wollte dme armen Turniergolfer, der nur an einem Loch verunglückt und einen hohen Score abliefert, aber sonst passabel die anderen Löcher spielt, mehr Freude am Wettspiel geben. So verliert man nach Stableford nur an einem Loch die Punkte, kann aber auf den anderen Löchern genug Punkte sammeln, um sogar zu den Siegern zu zählen. Deswegen spielen alle Herren-, Damen und Senioren-Runden überwiegend nur noch nach Stableford, was für mich schon eine Form golferischer Dekadenz ist. Es gibt verschiedene Handicap-Systeme, und jeder Golfverband glaubt fest, dass sein System das fairste ist. Sie haben viele „kreative“ Golfer (hoffentlich nicht im kreativen Zählen!) jammern hören, dass sie heute einen schlechten Tag hätten … Aber das liegt an den Golfern, wenn sie schlecht scoren, aber nicht am Punktesystem des guten Frank Stableford. Zählspiel ist eben nicht das einfachste System, wie Sie glauben. Vielmehr ist Zählspiel eine äußerst schwere und anspruchsvolle Spielart. Auch bei größter geistiger Anstrengung sehe ich keinen Gegensatz zum Ziel Golf als Breitensport und dem Handicap. Sport ohne Handicap kann auch schön sein, aber Golf ohne Handicap ist nur ein urkomisches deutsches Mißverständnis :-) Und nicht der DGV, sondern der Club muss über seine erfahrenen Golfer die Golf-Frischlinge über Sinn und Unsinn des Handicap-System aufklären; damit sie den Sinn der Handicap-regelung begreifen und so mehr Spass am Wettbewerbs-Golf finden. Das könnte man noch vertiefen, aber mir scheint’s genug für heute.

  7. Frau Oelmann said,

    22. Februar 2010 um 19:18

    Lieber Herr Schmied,
    ich grüße Sie. Ich bin erfreut zu lesen, dass mein Artikel weitere Zustimmung findet. Denn ehrlich gesagt hatte ich damit nicht unbedingt gerechnet…
    Herzliche Grüße
    Frau Oelmann

  8. Der Herr Schmied said,

    22. Februar 2010 um 11:13

    Wieder man ein treffendes Statement zum alltäglichen Wahnsinn im Amateurgolf. Sie haben es genau richtig erkannt: Das HCP hat nichts, rein gar nichts mit der wahren Spielstärke zu tun. Was nützt es einem Sprint-Athleten, wenn er in die Nähe seiner Bestzeit nur 1-2 x pro Jahr kommt? Im Golf ist es jedoch ganz genau so. Aber so sind wir nun mal hier in Deutschland (wobei es in A und CH kaum besser ist…) Competition runs in our genes, und wenn es nur auf dem Papier ist.

    Der Herr Schmied

  9. Frau Oelmann said,

    21. Februar 2010 um 19:40

    Hallo rebel,
    manchmal stehe ich auf der Leitung, sorry. – Danke für Deinen Link-Hinweis, schaue ich mir mal an.
    LG
    Frau Oelmann
    P.S.: Es freut mich, wenn Dir dieser Artikel gefällt!

  10. rebel said,

    21. Februar 2010 um 16:22

    ups Mist,

    habe was vergessen…

    bis denne
    rebel

  11. rebel said,

    21. Februar 2010 um 16:22

    Hallo Frau Oelmann,
    wieder einmal ein gelungener Artikel. Wenn Sie auch etwas gegen diesen HDC Wahn haben, das geht ganz einfach – werden Sie Crossgolfer. Hier wird fast nur das Zählspiel angewandt und HDC gibt es bei uns nicht. :D

    Mit dieser These würde ich Sie sehr gern in http://www.thepitchmark.com einladen, bin mal gespannt was die anderen Golfer zu Ihrer These sagen…


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