Golfsport: Das große Missverständnis vom Breitensport – Teil 4

Heute: Traditionen

Vom zweiten Schlag an war ich fasziniert. Alle meine Sinne waren berührt in einer Intensität, wie ich sie zuvor im Sport nicht erlebt habe. Das war vor 7 oder 8 Jahren. Es dauerte noch etwa unglaubliche fünf Jahre, in denen ich immer wieder an jenen Tag denken musste, an dem ich das erste Mal einen Golfplatz betrat, bis ich mich für eine Golf-Urlaubs-Woche entschied, um die Turnierreife zu erlangen. Ich tat mich lange schwer mit dem Gedanken, erst Prüfungen in Etikette, Regelfragen und Spielfertigkeiten ablegen zu müssen, um einfach nur spielen zu dürfen. Wozu dieses Brimborium? In welcher Ballsportart auf Breitensportebene gibt es das schon? Aber der Drang, Golf spielen zu wollen, überwog jeden Zweifel.

Bei diesen Prüfungen drehte sich jedoch alles lediglich um Platzerlaubnis und DGV-Mitgliedschaft, Überlieferungen von Traditionen standen nicht auf dem Lehrplan. Und auch heute, über zwei Jahre später, habe ich noch immer kein genaues Bild von Golf- Traditionen, nur gewisse Ahnungen und Vorstellungen.

Über Traditionen im Golfsport wird häufig gesprochen, weshalb sich zwangsläufig die Frage stellte, was die Traditionen dieses Spiels tatsächlich sind. Per Definition bedeutet Tradition die Überlieferung, die Weitergabe: „Weiterzugeben sind jene Verhaltens- und Handlungsmuster, die im Unterschied zu Instinkten nicht angeboren sind.“

Was genau zeichnet dieses Spiel tatsächlich aus, was genau gilt es, zu wahren, zu überliefern, weiterzugeben? Was ist damit gemeint, wenn der DGV „die den Golfsport prägenden traditionellen Werte zu wahren“ versucht? Ist es allein in der Tatsache begründet, dass dies ein Spiel ist, welches schon sehr, sehr lange gespielt wird?

Ich fand ein Zitat von Francis Quimet: „Golfspieler sollten nicht vergessen, dass dies ein Spiel mit langer Tradition ist und ein hohes Maß an Sportlichkeit gesetzt hat. Ein Spiel, bei dem die Regeltreue allerhöchsten Wert besitzt.“

Für mein Verständnis sollen hier die „alten Werte“ – Werte meiner Erziehung – wie z. B. Respekt, Achtung und Ehrlichkeit überliefert werden. Werte, die von ihrem Ursprung her allerdings immer schwerer zu transportieren sind in die heutige Zeit. Einer extrem schnelllebigen Zeit, die zunehmend Menschen hervorbringt, die im Eiltempo ohne konkrete Wahrnehmungen auf der Jagd nach vornehmlich materiellen Werten über alles Sein hinwegjagen und sich bevorzugt wie die Lemminge steuern lassen durch eine Bill Gates- Welt und RTL. Werte, die von jüngeren Generationen kaum mehr vom Einzelnen verstanden werden, geschweige denn von einer breiten Mehrheit. Der DGV gibt sich besorgt:

„Mit der Zunahme der Anzahl der Golfspieler in Deutschland und einem breiten Golfangebot geht eine Abschwächung der den Golfsport in der Vergangenheit prägenden traditionellen Werte einher. Die Bedeutung der Regeln, der Etikette, einer qualitativ hochwertigen Platzerlaubnis und des gepflegten Umgangs miteinander sowie des sicheren Spiels auf der Golfanlage nimmt, jedenfalls bei einer Gesamtbetrachtung, nicht selten ab. Insbesondere Golfregeln und Etikette werden mitunter nur noch als „grober Anhalt“ betrachtet. Der Golfsport droht damit in vielen Fällen, sein ihn prägendes Fundament zu verlieren.“

Ausgehend davon, dass Traditionen nichts Angeborenes sind, wäre es an der Zeit, die Bedeutung der Tradition des Golfsports hervorzuheben und zu erklären. An eben jene, die dem Golfsport „zugeführt“ werden sollen. Aber möglicherweise ist es nicht gewollt, weil es gar nicht mehr verstanden würde und genau genommen macht es daher vermutlich auch gar keinen Sinn. Denn das würde bei konsequenter Auslegung der Tradition u. a. bedeuten, vorgabewirksame 9-Loch-Turniere wieder einstampfen zu müssen. Oder sogar das Schlimmste: „No Dogs, no Ladies!“ – Ich zucke zusammen, ein furchtbarer Gedanke. Traditionen beinhalten zuweilen auch Fragwürdiges, Abschreckendes.

Aber bei uns im Lande mache ich mir dahin gehend derzeit keine Sorgen. Denn wie viel Kaufkraft ginge wieder verloren ohne 9 Löcher oder ohne Ladies Days. Der schnöde Mammon wird unaufhaltsam weiterhin das Geschehen bestimmen und sein Unwesen treiben. So war es immer, so wird es immer sein. Das hier ein Missverständnis vorliegt, wage ich zu bezweifeln.

Traditionen und Moderne, Golf als Breitensport. Eine Gratwanderung in schwindelnden Höhen, eine schwierige Aufgabe, wie es scheint. Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Zeit. Die Evolution hat schließlich schon für manche Überraschung gesorgt.

Alles hat seine Zeit, heißt es. Der Frühling naht und ich verabschiede mich für das Erste aus Breitensportgedanken, um mich nunmehr dem zu widmen, was meine ganze Aufmerksamkeit erfordert: Golf spielen.

Ich möchte mich bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für diesen Gedankenaustausch zum Thema Golf als Breitensport bedanken. Sollte eines Tages der DGV zufällig auf diese Artikel stoßen und sich einige, wenige Gedanken hierzu gemacht haben, so hätten wir gemeinsam schon viel erreicht.

Unmissverständliche, herzliche Grüße und eine tolle Golfsaison 2010 allen Golffreundinnen und Golffreunden wünscht Ihnen

Ihre Frau Oelmann

**In orange markierte Zitate sind dem Positionspapier des DGV aus September 2007 entnommen. Dieses Papier kann jedermann auf der Internetseite des DGV einsehen.

www.cybergolf.de

3 Kommentare

  1. rebel said,

    28. März 2010 um 15:46

    Da sitze ich hier in meinem Sessel und schmunzel bei einer traditionellen Tasse schwarzen Tee so vor mich hin…

    ich wünsche ein schönes Restwochenende
    liebe Grüße
    rebel

  2. Frau Oelmann said,

    27. März 2010 um 21:31

    Grüß‘ Dich rebel,
    Traditionen scheinen nicht nur meine Gedankenwelten in Aufruhr versetzt zu haben…
    Alles Gute,
    Frau Oelmann

  3. rebel said,

    27. März 2010 um 17:40

    so richtig will auf ihren Artikel keiner Anbeißen, auch ich habe jetzt eine ganze Weile gewartet ob sich jemand traut.

    Traditionen sind was schönes, ich will auch wieder welche einführen. Da fallen mir die Sklaverei ein (in welcher Form auch immer), so ein persönlicher Sklave hat was. Der kann dann gleich den gerade anfallenden Haus- und Frühjahrsputz übernehmen, während ich an meinem Schwung feile.
    Auch die gute alte Tradition der Kolonien sollte man nicht außer acht lassen. So in irgend einer warmen Gegend wo man dann seinen Winter verbringen kann.
    Ach ja, die guten alten Werte. Wo sind sie nur abgeblieben???

    Sicher wird es noch mal 10 Jahre dauern bis Golfen in Deutschland einer breiteren Masse zugänglich wird, denn mit abnehmender Kaufkraft über die ganze Breite der Geldverdienenden Bevölkerung, wird sich so mancher eine Mitgliedschaft in einem „traditionellen Golfclub“ nicht mehr leisten können und somit dem „Pöbel“ doch Zutritt gewähren.

    Da habe ich noch ein wenig Lesestoff für sie, ein paar der PDF sind ja doch „ZENSUR“ wie ich finde.
    http://www.golf.de/dgv/ausweis_kennzeichnung.cfm?objectid=60083757

    BIs denne und viel Spaß auch dem Platz
    rebel


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