Interview mit Eugen Pletsch: HCP-Wertigkeit – Was zählt wirklich?

Als ich Eugen Pletsch einmal erzählte, dass ich 22 Stableford- Punkte bei einem 9-Loch-Turnier erspielte, gab er sich nicht sonderlich beeindruckt. Ganz im Gegenteil: Ein 9-Loch-Turnier sei schließlich nur eine „Halbe Sache“ gegenüber einem 18-Loch-Turnier. Man bekäme bei einem solchen Turnier für nicht gespielte 9 Löcher per se 18 Stableford- Punkte angerechnet. Dieses Vorgehen wäre der Handicap- Idee abträglich.

Ich war beleidigt! Schließlich hatte ich doch eine, wie ich dachte, passable 9-Loch-Runde mit nur 7 über Par für den Tag gespielt (2. des Turniers in der Brutto-Wertung mit 12 Punkten). Meine geplante Siegesfeier mit 1.000 geladenen Gästen habe ich dann auch umgehend wieder gecancelt.

Ich grübelte über Traditionen im Golfsport nach, darüber, was er mir sagte, fand jedoch nicht von allein alle Antworten. Schließlich bat ich Eugen Pletsch um ein Interview.

Frau Oelmann (Frau O.): Herr Pletsch, was hat Sie veranlasst, mir zu meiner schönen, vorgabewirksamen 9-Loch-Runde, die mir mein HCP um 1,6 Punkte verbessert hat, nur schweren Herzens und erst nach einigem Zögern zu gratulieren?

Eugen Pletsch (EP): Hatte ich nicht sofort und ohne zu zögern gratuliert? War von einer 9-Loch Runde die Rede? Das hatte ich gar nicht gehört. Funktioniert mein Hörgerät? Hallo? HALLO! Habe ich übrigens schon erzählt, wie ich mein Matchplay gestern 4 auf 2 mit einer 78er Runde gewann?

Frau O.: Ein 9-Loch-Turnier gibt dem golfenden Proletariat die Möglichkeit, auch noch nach der Fronarbeit vorgabewirksam etwas für oder gegen das HCP tun zu können. Was ist falsch daran?

EP: Möchten Sie lange oder kurze Antworten haben?

Frau O.: Habe ich eine Wahl?

EP. Gut, also nehmen Sie Platz.

Selbst wenn wir modernen Menschen den Feiertag heiligen würden, wie es im schottischen Hochland immer noch üblich ist, bleibt immer noch genügend Zeit für eine ordentliche 18-Loch Runde.

Auf der (Runde) könnte man vielleicht zu der Erkenntnis gelangen, dass Fronarbeit unzeitgemäß ist. Das führt zu der nächsten Erkenntnis, dass Fronarbeit heutzutage genau so üblich ist wie im Mittelalter, mit dem Unterschied, dass dem damaligen Lehnsherren nur der Zehnte zustand, während uns das Finanzamt heutzutage gerade so viel lässt, dass wir nicht des Hungers sterben müssen.

Diese Erkenntnis führt bei manchem Spieler vielleicht zu dem Entschluss, das Golfspiel aufzugeben, um sich der gesellschaftlichen Veränderung zu widmen, ich denke da an eine längst fällige Revolution.

Frau O.: Ich fragte, was an der 9-Loch Runde falsch sein könnte.

EP: Das ist Ihre Frage, aber nicht meine. Meine Frage ist, warum ein 9-Loch Turnier hierzulande länger dauert, als ein flotter 18-Loch Dreier auf irgendeinem Golfplatz der (angelsächsischen) Welt je gedauert hat?
Das hängt aus meiner Sicht damit zusammen, dass am zeitgenössischen Neugolfer alle möglichen Zecken hängen, die ihn auszusaugen trachten. Die ganze Golfindustrie wirft sich mit ihrem Ballast um den Hals des Spielers, so dass er weder frei schwingen kann, noch begreift, was der Sinn seines Tuns ist: Einen kleinen weißen Ball mit möglichst wenig Schlägen zu einem Loch zu treiben, um ihn da hinein zu stupsen.
Das, was einst ein Spiel war (zugegebenermaßen mit fast religiösem, philosophischem Überbau), ist eine komplizierte Angelegenheit geworden und zu einer Form von Freizeitstress, den jene auf den Golfplätzen verbreiten, die auch sonst den ganzen Tag zu spät kommen, in wichtigen Meetings und nicht erreichbar sind, keine Zeit haben und die Verkörperung von Stress darstellen. Es ist diese hektische, fahrige Energie, die mir unangenehm ist, auch die Freizeit optimal nutzen zu müssen, indem man schnell noch ein 9-Loch Turnier abhakt und etwas für das Handicap tut.
Diese Leute sollten mal lieber nichts tun, die Füße in den Teich strecken und nach Bällen fischen. Das kühlt ab. Wer kann denn direkt aus dem Berufsverkehr, vom Stau und der Arbeit kommend, in stiller, heiterer Muße den Weg der weißen Kugel verfolgen?

Frau O.: Vom sportlichen Anspruch her mag ein 9-Loch-Turnier die halbe Wahrheit sein. Dem Urgedanken, dem Spirit of Golf, wird hierbei natürlich nicht Rechnung getragen. Und geschenkte Punkte sind eben nur geschenkte Punkte. Aber bei einem 9-Loch-Turnier z. B. darf man kaum Fehler machen. Ein gestrichenes Loch kann schon fasst das Aus für eine HCP- Verbesserung bedeuten. Wie sehen Sie das?

EP: Wir haben in unserem Club tatsächlich noch einige Vertreter der arbeitenden Bevölkerung, mich zum Beispiel. Ich mag es, abends 9 Bahnen zu spielen und wenn jemand ein Match will, dann steht auch gerne die Leistungsfähigkeit auf dem Prüfstand. Jeder, der sich das Golfspiel irgendwie leisten kann, wird eine Möglichkeit finden, ein paar vorgabewirksame18-Loch Runden im Jahr zu spielen. Und wenn nicht – was soll’s?
Das wäre eine einfache Antwort, aber es ist nicht so einfach, denn Golf spielen dürfen wird heute zum Beispiel von Unternehmen als ein Teil Ihres Belohnungssystems eingesetzt, um bestimmten „Eliten“ das Gefühl zu vermitteln, dass sie es schaffen könnten (dazu zu gehören), wenn sie sich noch mehr Mühe geben würden.

Diesen ganzen Platzreife-, Turnierreife- und Vorgabe- Blödsinn haben wir ohnehin nur der Monopolstellung des DGV zu verdanken, der alles bis ins letzte Detail kaputt regelt.

Wir kennen keine Tiger-Rabbit-Turniere mehr, weil die Einführung in das Spiel und das Verhalten auf dem Golfplatz eine neue Pfründe der Golflehrer ist, mit der es sich gut Kasse machen lässt. Leider zeigen die durchschnittliche Spielgeschwindigkeit sowie die Handicap-Entwicklung, dass viele Golflehrer ihren Aufgaben kaum gerecht werden.

Wie ein Spieler seinen Ball entspannt und freudig zu einem Ziel treibt, ohne andere in ihrem Spiel zu behindern, hat man früher von anderen Mitgliedern gelernt, denen man(n/frau) sich anschloss.

Leider ist ein Golfclub nur in seltenen Fällen ein Sportverein. Meist sind wir die „Kunden“ einer „Betreibergesellschaft“, die uns etwas Club-Brimborium gönnt.
Einmal im Jahr wird eine Art Scheindemokratie simuliert, wenn der Herr Präsident dann im Sheraton, Frankfurt, bei der DGV-Jahreshauptversammlung den cäsarischen Daumen heben oder senken darf, und zwar zu Vorschlägen, die offensichtlich nur gemacht werden, damit die DGV-Behörde mit sich selbst beschäftigt bleiben kann.

Geschenkte Punkte … gestrichenes Loch … was meinen Sie damit?

Das ursprüngliche Prinzip des Golfspiels ist, den Ball zu spielen wie er liegt und dabei seine Schläge zu zählen.

Was ist das Handicap? Ein DGV-Ritual oder die Möglichkeit des fairen Leistungsvergleiches im Spiel mit anderen? Soll doch jeder spielen was und wie er will! Was soll falsch daran sein?

In anderen Ländern können beglaubigte Karten eingereicht werden, die das aktuelle Handicap bestimmen. Niemand, der öfter zockt, käme auf die Idee, eine falsche Karte einzureichen, die ihn dann nur Geld kosten würde.
Aber hierzulande, wo ein gutes Handicap als Statussymbol dient, dass nur in den „vorgabewirksamen Turnieren“ des Monopolisten erspielt werden kann, führt diese Regelung dazu, dass mittlerweile schon Jugendliche in Turnieren massiv betrügen.

Das ist ein Problem des DGV, ein Problem der falschen Wertevermittlung und Weichenstellung! Nicht mehr das Spiel, sondern nur noch der Erfolg steht im Mittelpunkt.
Der nächste Schritt wird dann der Versuch sein, diese Erfolge, wie auch in anderen Sportarten, notfalls durch Doping zu erreichen. Das ist aber nicht der Golf-Weg, sondern ein Weg der Leistung um jeden Preis und dieser Weg hat unsere Gesellschaft an den Rand einer Katastrophe geführt. Deshalb kritisiere ich auch den Ryder Cup-Hype und die Anti-Doping Kampagne.

Frau O.: Es gibt sehr viele 9-Loch-Anlagen. Da werden bei einem Turnier zuweilen gleich zweimal dieselben 9 Loch gespielt. Wie bewerten Sie diese Turniere gegenüber einem regulären Turnier auf einer 18-Loch-Anlage?

EP: Ich bewerte die gar nicht. Da spielt man zweimal 9 Loch und kann es gut machen oder verbaseln. Ich kann unsere ersten 9 Löcher immer wieder spielen und immer wieder verbaseln. Da können die Löcher nichts für.

Frau O.: Lassen Sie uns noch kurz über sportliche Ansprüche von 18-Loch-Turnieren reden. Welche Aussagekraft haben für Sie diejenigen Handicaps, die in der Regel „nur“ auf Heimatplätzen erspielt wurden?

EP: Man könnte glauben, es wäre einfacher, auf dem Heimatplatz zu spielen. Platzkenntnis, Vertrautheit etc. Aber das Bewusstsein des ungeübten Spielers verankert eher die negativen Erfahrungen als die positiven. Da ich auf einer Runde mehr schlechte als gute Schläge mache und auf dem Heimatplatz meine (negativen) Erinnerungen immer wieder bestätigt bekomme (Ball im Wasser, Ball im Aus) kann es durchaus schwerer sein, den eigenen Platz erfolgreich zu spielen. Das zeigt sich auch, wenn eine Clubmannschaft auf eigenem Platz trotz Heimvorteil verprügelt wird.

Sofern man sich mit dem fremden Platz befasst, einen Spielplan hat und ein gescheites Course-Management, kann das unvoreingenommene Spiel auf einem Fremdplatz von Vorteil sein.

Frau O.: Ich sehe ein, dass ein 18-Loch-Turnier ein wahres Golfturnier ausmacht. Die in den Jahren entstandenen Abarten befürworte ich auch nicht grundsätzlich, aber sie bieten halt neue Möglichkeiten, die entstanden sind im Sinne „Wandel der Zeiten“. Würden Sie die Zeit lieber wieder zurück drehen wollen?

EP: Ja, in die Steinzeit. Ich habe als Junge gerne gesehen, wenn Fred Feuerstein und Barney Geröllheimer zusammen auf dem Golfplatz waren und Steinkugeln vor sich hertrieben. Dass muss eine großartige Zeit gewesen sein, der ich nachtrauere.

Ich habe aber auch noch sehr deutliche Erinnerungen an ein früheres Leben, als ich als englischer Textilhändler mein Stofflager in einem Schuppen am Old Course hatte, etwa da, wo heute das Old Course Hotel steht. Ich hatte diesbezüglich ein paar Andeutungen im „Weg der weißen Kugel“ gemacht, aber was immer ich schreibe, wird bei mir entweder als humoristisch oder zynisch abgehakt.
In meinem früheren Leben, in dem ich selbst zu den bessergestellten Bürgern gehörte, haben mich die Eindrücke der schottischen Gesellschaft und jener Plutokraten geprägt, die heute von den Golf-Traditionalisten als Erfinder und Bewahrer des Golfspiels angesehen werden. Diese „Gentlemen von Leith“ waren ebensolche Blutsauger, die meisten Clanfürsten, die in London hockten und ihr eigenes hungerndes Volk in die USA verscherbelten. Es sind die gleichen Typen, die heute noch in den Bankhäusern hocken und sich am Elend der Welt bereichern, um dann – nach getaner Untat – um 17 Uhr auf einem Golfplatz in karierten „Plusfours“ der Golftradition zu huldigen.

Nein – die geheime Tradition der mystischen Golfer hatte ihren Ursprung in den Schläger-Werkstätten, in den Caddy-Schuppen, unter Barfuss-Golfern, also bei dem, was Sie anfangs Golf-Proletariat nannten. Golf ist ein Spiel der Freiheit, der Bewegung in der Natur, im Wind und im Regen. Der Film „Das größte Spiel seines Lebens“ über das Leben von Francis Quimet zeigt, was es damals bedeutete, wirklich zum Proletariat zu gehören. Dieses Spiel der Freiheit, der Bewegung in der Natur, im Wind und im Regen zerstören wir heute, nicht durch die Regeln der R&A, sondern indem wir diese Freiheit in vollkommen unnötige Zwänge und Schablonen pressen. Da steht zwar Golf drauf, ist aber kein GOLF drin.

Frau O.: Herr Pletsch, vielen Dank für dieses Interview.

EP: Ich danke, dass ich endlich mal gefragt wurde.

Dieses Interview mit Eugen Pletsch führte ich bereits letzten Herbst und es hat mir große Freude bereitet. Seitdem beschäftige ich mich zunehmend mit Traditionen im Golfsport.

Ich glaube mich auch erinnern zu können, dass er sagte, dies sei sein 1. Interview überhaupt gewesen.

3 Kommentare

  1. 7. Mai 2016 um 10:14

    Habe ich eben erst gelesen, Filou. Genau das sage ich doch: Golfnomaden sind im Vorteil, bin jahrelang selbst einer gewesen…

  2. Filou said,

    21. April 2010 um 18:48

    Hi,

    „EP: Man könnte glauben, es wäre einfacher, auf dem Heimatplatz zu spielen. Platzkenntnis, Vertrautheit etc. Aber das Bewusstsein des ungeübten Spielers verankert eher die negativen Erfahrungen als die positiven. Da ich auf einer Runde mehr schlechte als gute Schläge mache und auf dem Heimatplatz meine (negativen) Erinnerungen immer wieder bestätigt bekomme (Ball im Wasser, Ball im Aus) kann es durchaus schwerer sein, den eigenen Platz erfolgreich zu spielen. Das zeigt sich auch, wenn eine Clubmannschaft auf eigenem Platz trotz Heimvorteil verprügelt wird.“

    Ich glaube fest, dass Herr Pletsch mit seiner Verallgemeinerung hier irrt. Ein HCP, dass nur auf einem Platz erspielt wird, auf dem die Adeptin zu 95 % spielt, wird es schwer gegen das HCP eines Nomaden bzw. einer Nomadin haben. Dies konnte ich immer wieder persönlich feststellen.

    Gruß Filou

  3. rebel said,

    5. April 2010 um 18:00

    Ich bedanke mich auch für dieses Interview.
    Es ist immer wieder schön wie Herr Pletsch auf den Punkt kommt….


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