Mittwoch ist Men’ s Day.

In einer kleinen, unterhaltsamen Herrenrunde im Clubhaus sitzend, verlor ich plötzlich für einen kurzen Moment komplett den Verstand. Es war, als würde ich ferngesteuert, als hätte sich ein Alien in meiner Gehirnwindung festgesetzt. Ich sprach ein Tabu- Thema von ungeheurer Brisanz an, was mir leider erst einen Moment zu spät gewahr wurde: Ich bat darum, ausnahmsweise einmal zu einem Men’s Day eingeladen zu werden!

Gregor empörte sich lautstark: „Sabine, das geht nicht! Das ist ein Men’s Day!“

Grundgütiger. Mittwoch ist Men’ s Day. Schon seit Jahrtausenden. Wieso hatte ich gefragt? Mir schwindelte, aber aus mir unerfindlichen Gründen wollte ich jetzt nicht mehr locker lassen.

„Ja, ja. Ich verstehe. Aber was spricht gegen eine Einladung, ausnahmsweise einmal, versteht sich?“

„Du bist eine Frau!“ konstatierte Hennes.

„Das ist mir nicht neu.“ Ich habe Hennes’ Weitsichtigkeit von Anfang an gemocht.

„Wir wollen Dich nicht dabei haben.“

„Wer spricht denn von dabei haben – ich möchte doch nur einmal dabei sein!“

„Du bist irre“ warf Ernst mir lächelnd zu. Er mochte meine Verrücktheiten.

„Mag sein, was ist verkehrt daran?“

„Mann oh Mann, die lässt nicht locker…stellt euch mal vor, dass spricht sich rum. Nee, kannste vergessen!“ blökte Gregor. Gregor war bekannt für sein diplomatisches Geschick und seinen sprühenden Charme.

Das spricht sich rum…hmm…das war das Stichwort, was mir fehlte.

„Ich könnte über diese Runde einen Kriegsbericht schreiben, darüber, wie es auf einem Men’ s Day zugeht. Wie ihr auf der Runde gnadenlos die Bälle vor euch hertreibt. Euren Schilderungen nach geht es martialisch zu, rauh und furchtbar, Bälle rollen, Mann gegen Ball, Loch für Loch. Make my Day – make my Men’ s Day!“

Für einen kurzen Moment trat Stille ein, sie blickten sich an.

„Das klingt irgendwie gar nicht mal schlecht. Runde für Runde, Mittwoch für Mittwoch, Jahr für Jahr gehen wir auf die Jagd und niemand erzählte bisher unsere Geschichte.“ Ernst schien tatsächlich darüber nachzudenken. „Der Gedanke gefällt mir…“ sinnierte er und orderte eine neue Runde.

Gregor hingegen blieb stur: „Frauen haben auf dem Men’ s Day nix verloren!“

Hennes nahm Ernst Gedankengang auf: „Aber sie schreibt Geschichten. Es könnte doch vielleicht nicht schaden, wenn auch ein Stück unserer Geschichte nieder geschrieben würde. Hier schreibt sonst keiner was. Das wäre doch mal ‚ne willkommene Abwechslung!“

Gregor verschränkte bockig die Arme, aber Hennes schien nun ebenfalls diese Möglichkeit in Erwägung zu ziehen: „Krieg dich wieder ein, Gregor. Wir sind auch nicht dafür. Aber man könnte ja wirklich mal eine Ausnahme machen. Lassen wir sie doch dieses eine Mal mitspielen und ihre Geschichte über unsere Heldentaten schreiben.“

„Warum muss sie dann gleich mitspielen? Kann sie nicht einfach nur schreiben?“ meckerte Gregor.

Das Geklapper aus der Küche ging mir auf die Nerven. Warum mussten sie nur immer die Tür offen stehen lassen? Ich winkte Ulla herbei und gab ihr Bescheid.

„Nee, wenn die Geschichte mitreißend und authentisch sein soll, muss ich schon mitspielen!“ Ich drehte auf: „Ich muß mittendrin sein im Kugelhagel, einen Becher Blut vom erlegten Birdie mit euch teilen! – Ihr könntet als Helden in die Geschichte eingehen. Stellt euch mal vor, Alexander der Große hätte keine Kriegsberichterstatter erlaubt. Was würde heute dann noch in den Geschichtsbüchern über ihn stehen?“

„Jau, wo sie Recht hat, hat sie Recht. Von nix kommt nix!“ Ernst war nun sichtlich angetan von dieser Idee. Er wollte zur Legende werden.

„Und ich bin dagegen!“

„Wer hat das zu entscheiden? Fragen wir erstmal unseren Men’ s Captain!“

Hennes kam vom Klo und rief schon von weitem zu: „Aber keinesfalls möchte ich namentlich erwähnt werden. Ist vermutlich besser, man weiß ja nie. Wir lassen uns Pseudonyme einfallen, am besten von Kriegshelden!“

„Aber ohne mich!“

„Gute Güte, das wissen wir doch jetzt, Gregor. Musst Du nicht heim zu Mutti? – Hör mal, Sabine, wir müssen das mit unserem Captain besprechen. Wat mut, dat mut. Aber spitz’ schon mal die Bleistifte…äh…Sabine?“

Niemand schien bemerkt zu haben, dass ich die Runde inzwischen verlassen hatte. Ich schlenderte zum Parkplatz, verstaute meine sieben Golfsachen und fuhr nachdenklich heim. Was tat ich im Unverstand? Ich war nicht ganz bei Trost, verlassen von allen guten Geistern. Wie konnte ich nur…verflixt und zugenäht…

Jetzt galt es, Haltung zu bewahren. Keinesfalls durfte ich mir auf den nächsten Runden irgendetwas anmerken lassen. Vielleicht haben sie es ja nur als Scherz aufgefasst und reden nicht weiter drüber. Aber was, wenn nicht? Was hatte ich mir da bloß eingebrockt?

Halali!

© by Sabine Oelmann 2010

1 Kommentar

  1. 9. Mai 2010 um 12:27

    Deine Geschichten werden immer besser. Für einen alten Anarchisten ist es ein schönes Gefühl, Feuer an eine Lunte gelegt zu haben, die langsam kokelt, um unsere lieben Mitgolfer eines Tages mit Blitz und Donner zu erschrecken.
    Aber der Gedanke, dass Frauen bei einem Herrenmittwoch Einlass fänden, macht selbst mir Angst. Es ist schließlich der einzige Tag, an dem alte Dackel ungestört und ungeniert in die Büsche pinkeln dürfen und Männer sich nicht wie „Männer“ aufführen müssen, sondern Trauer, Verzweiflung und Ängste ausleben können.
    Ein „Mens Day“ hat seinen therapeutischen Nutzen, vergiss das nicht!
    Seit ich letzte Woche meinen ersten „Longest Drive“ gewann, (weil alle Longhitter bei starkem Seitenwind die Bahn nicht trafen), schreite ich als neuer Mensch voller Selbstbewusstsein mit federnden Schritten zum Abschlag, den Rücken gerade, den stählernen Blick in die Ferne gerichtet. Hättest Du mitgespielt, hättest Du mich wieder 50 Meter kurz gelassen – nee danke.
    Lern´meinetwegen mit Maschendraht Stahlstrümpfe häkeln, aber lass uns den Herrenmittwoch, das letzte Refugium des Mannes in dieser Welt.
    Liebe Grüße
    Eugen


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