Der Handicap-Jäger

Geschichten aus dem GC Fehrwegesatt

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„Also los: Gestehen Sie! Gestehen Sie endlich, Ihre Frau betrogen zu haben!“

„WAAAS? HÄ? Betrogen? Das … das … das kann nicht sein … woher…?“

„Ach was, ich meinte, gestehen Sie endlich, ein Handicap-Jäger zu sein!“

„Ha … hahaah … ein Handicap-Jäger!?“ Sven Hagger glotzte mit tumbem Blick.

Marshall Andi Kepp-Jäger war eine stattliche Erscheinung in den Mittsiebzigern. Die Aura, die ihn umgab, war so deutlich zu spüren, dass man meinte, sie mit Händen berühren zu können. Seine sonore Stimme untermalte diese Aura eindrucksvoll. Er wurde bereits im 45. Jahr als Course Marshall bestätigt.

„Ja genau. Ein Handicap-Jäger!“

„Ich verstehe kein Wort.“ Sven Haggers erste Aufregung hatte sich gelegt, jedoch wirkte er noch immer etwas verstört und aus seinen dösigen braunen Dackelaugen sprach blankes Unverständnis.

„Wollen Sie etwa das Gegenteil behaupten?“ Die Augen des Marshalls verengten sich zu schmalen Schlitzen.

„Wie … Gegenteil?“

„Wegen Ihrer Jagd haben Sie zuletzt Ihre Flightpartner auf Ihren Runden permanent mit Unanständigkeiten traktiert und Sie verstehen kein Wort?“

„Ich habe niemanden traktiert. Und überhaupt, was bedeutet das eigentlich so genau?“

„Traktieren bedeutet: Abreagieren an, malträtieren, schinden, rächen, entladen, scheuchen, fühlen lassen, behelligen, martern, triezen, zu fühlen geben, auslassen, foltern, schikanieren, abreagieren, drangsalieren, peinigen, tyrannisieren…“

Kepp-Jäger donnerte mit der Faust auf den Tisch. Eine Kaffeetasse ging vor Schreck zu Bruch und ergoss sich über seinen Schoß.

„Verfluchter Mist!“ – Mit hastigen Bewegungen wischte er sich den heißen Kaffee von der Hose.

„…peinigen, tyrannisieren! Habe ich noch etwas vergessen?“

„Nein, Chef!“ fistelte das zarte Stimmchen seines Deputies Gregor Topper. Topper war fast zwei Meter groß und er litt unter dieser Kreidestimme. Sein Therapeut hatte ihm deshalb schon vor Jahren angeraten, die Sportart zu wechseln, worauf hin er seitdem auch noch über regelmäßige Atembeschwerden klagte.

„Die Anklage lautet: Handicap-Jägerei! Handicap-Jägerei unter Missachtung aller Regeln und jedweder Etikette, auf Kosten Ihrer Flightpartner! Also: Gestehen Sie?!“

Das hatte gesessen, Hagger war angezählt. Unruhig rutschte er auf seinem Stuhl hin und her. Sein starrer Blick blieb an der Wanduhr hängen, die – von Staub überzogen – irgendwann einmal um Zwölf Uhr Mittags stehen geblieben war…

Der Marshall bedeutete seinem Deputy, ihm zu folgen und so überließen sie ihn sich selbst. Vom benachbarten Observer- Raum beobachteten sie ihn ungesehen durch eine Spiegelwand. Als er sich in dieser Warterei allein gelassen wähnte, begann Hagger, seine mobile Driving-Range aufzubauen, die er stets in seinem Bag mit sich trug. Abschlagmatte, Gummitees, Auffangnetz und ein Korb Bälle gehörten zur Ausstattung, die er bei jeder sich bietenden Gelegenheit zum Einsatz brachte. Kürzlich beim Zahnarztbesuch bekam er jedoch Probleme und musste sein Equipment wieder abbauen, nachdem ein Patient im Wartesaal durch einen Querschläger einen Schneidezahn verlor. Im Sekundenrhythmus drosch er auf die Bälle ein, dass es nur so krachte. Es war eine einzige Schlacht um Mensch und Material.

Marshall Kepp-Jäger analysierte messerscharf: „Das ist kein Golfschwung, das ist eine einzige…“

„Ja genau, Chef, das ist kein Golfschwung, das ist eine einzige…“ Deputy Topper gab sich souverän im Beisein seines Chefs.

„Wann haben Sie zuletzt an Ihrem Golfschwung gearbeitet?“

„Äh … öh … wie jetzt … am Golfschwung gearbeitet?“

„Was haben Sie dafür getan, dass Sie die Bälle ordentlich treffen?“

„Hä? Ich treff’ die doch.“

„Ja, richtig. Aber ich meine, ordentlich treffen, also mit einer Bewegung, die etwas mit dem Golfschwung zu tun hat.“

„Das ist ja das Problem! Jeder weiß doch wie das geht: Stand, Griff Ausrichtung, Kopp unne lassen, durch schwingen, etc. und das mach’ ich doch alles. Ich verstehe nur nicht, warum die Dinger manchmal da hinfliegen, wo ich nicht hin will.“

Manchmal, so so… Und dann werden Sie cholerisch und traktieren Ihre Flightpartner.“

„Nee, das lasse ich mir nicht nachsagen. Schlägerwerfen machen hier fast alle im Club, das gehört einfach dazu. Fragen Sie mal Neptun an der 5. Bahn, was der schon für ‚ne schöne Sammlung an Schlägern im Schrank stehen hat. Das hier ist doch kein Kindergeburtstag, das ist Männersache!“

„Uns liegen Anzeigen vor wegen zeitweiliger Belästigung am Golfplatz.“

„Das ist ja lächerlich!“

„Das werten wir als Geständnis. Alles klar!“

„Ich will einen Anruf machen, das ist mein gutes Recht.“

„Und?“ Topper platzte vor Neugier, nachdem Hagger auflegte und ein Lächeln sein Gesicht derart erhellte, dass die Beleuchtung der Frankfurter Einflugschneise die Atmosphäre eines Candle-Light-Dinners bot.

„Männer, unser Vierer ist gerettet. Willi kriegt zu Hause frei und ist in zehn Minuten an der Eins!“

„Mööönsch, Hagger, wie Du das wieder hingekriegt hast!“

„Dann wäre ja alles geklärt. Auf die Pferde, Männer. Heute geht’s um alles!“

Kepp-Jäger, Topper und Hagger schnappten ihre Satteltaschen. Draußen wieherten unruhig die Pferde. Das Klappern ihrer Sporen auf dem Weg zum ersten Abschlag hallte in der Nachmittagssonne noch lange nach…

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© by  Sabine Oelmann 2010

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