Golfplatz Schnee unter

Es war ein Wintertag wie gemalt und es war Weihnachten. Endlich weiße Weihnachten! Haben wir nicht immer davon geträumt? Die Sonne lachte strahlend ins kalte Gesicht und der Himmel leuchtete in unwirklichem Licht. Der Schnee glitzerte prächtig und lebendig wie ein Sternenhimmel in klarer Nacht. Hier und da waren liebliche Gesänge Heimatverbundener Gefieder zu vernehmen. Eine angenehm kühle, kristallklare Luft bahnte sich bei jedem Atemzug langsam und gemächlich weiter ihren Weg in die tiefsten Winkel der Lunge. Der vom trüben Novemberregen und wochenlanger, trister Dunkelheit gezeichnete Körper lechzte förmlich nach dieser klaren frischen Luft, es war wie ein Jungbrunnen. Der Waldspaziergang vor dieser Kulisse war berauschend und verführte zur Träumerei. Es war mir, als würde ich an einem Shuttlefreien Sonntag als Geisterfahrer über die Mittelspur der Milchstraße lustwandeln.

Plötzlich geriet ich ins Straucheln und fiel kopfheister in den Schnee. Was war geschehen? War das Flugverbot bereits aufgehoben? Gemächlich setzte ich mich und suchte nach Orientierung. Irgendwie kam mir diese Gegend bekannt vor, hier musste ich schon einmal gewesen sein. Wenn ich nur wüsste… Ich schob die Bunkerharke an die Seite und stand endlich auf. Bunkerharke? Das war es: Ich befand mich auf einem Golfplatz, auf meinem Golfplatz! Ich hatte es nur nicht gleich erkannt, weil ich zuletzt vor über zwei Jahren in diesem Grünbunker an der 7. Bahn gelegen hatte. Aber wie kam ich hierher, wie war das möglich? Ich war doch in entgegen gesetzter Windrichtung zu meinem geplanten Waldspaziergang unterwegs. Hatte mir der Sextant etwa falsche Angaben geliefert? Vermutlich wären etwas präzisere Kartenwerke als mein Taschenkalender mit Europakarte von Vorteil gewesen.

Während ich in meiner Ver(w)irrung in der nachmittäglichen Sonne dösend dastand, ließ ich genüsslich die Blicke schweifen. Der ganze Platz lag Schnee unter, die einzelnen Bahnen gingen über in strahlendes weiß, nur hier und da zeigten sich seichte Konturen einer Golfplatzlandschaft. Alles wirkte mit einem Male wieder vertraut. Selbst die Geräusche jenseits des Lärmschutzwalles der Autobahn erinnerten mich an beruhigendes, rhythmisches Meeresrauschen. Wie schön war dieses Fleckchen Erde doch, inmitten einer großen Stadt. Kurz entschlossen änderte ich meinen Fahrplan, angezogen von den Fußspuren im tiefen Schnee. Irgendein tapferer Recke war schon vor mir da.

Es schien mir nicht ganz ungefährlich, in dieser Schneewüste ohne Verpflegung unterwegs zu sein, zumal mir für diesen Weg keine Koordinaten vorlagen (der Sextant lag auf dem Küchentisch). Außerdem hatte der Paketdienst meinen PflanzenAlmanach für ein Überleben in der Wildnis noch nicht geliefert. Aber ich kannte diesen Film mit Fräulein Smilla, das musste reichen. Vor Einbruch der Dämmerung konnte ich es zurück bis zum Basislager schaffen. Und so stapfte ich los.

Auf der 8. Bahn endeten die Fußspuren jäh, sie bogen rechts ab in Richtung Autobahn. Offensichtlich hatte diese Amundsen- Raubkopie vor dieser weißen Einöde kapituliert und suchte jetzt eine Mitfahrgelegenheit an der Raststätte, die entlang der Bahn verlief. Aber darauf ließ ich mich nicht ein. Was hörte man nicht alles über finstere Gestalten, die auf Rastplätzen gerne ihr Unwesen trieben. Ich beruhigte mich und dachte darüber nach, welche Orientierung mir blieb, wenn ich diese Fährte verließ. Jetzt war mein Gespür für Schnee gefragt! Ächzend und schnaubend kämpfte ich mich Schritt für Schritt voran. Die inzwischen tief stehende Sonne blendete mich stark, ich konnte kaum mehr etwas visualisieren. Die einzige Wahrnehmung bestand nunmehr im infernalischen Lärm meiner Schritte im knarzenden Tiefschnee und so bahnte ich mir meinen Weg nach Gehör.

Wie aus dem Nichts trat sie mit Einbruch der Dunkelheit in Erscheinung, die Hundert-Meter-Marke. Jetzt konnte es nicht mehr allzu weit sein und es galt, nicht die Nerven zu verlieren. Und schon gar nicht den Weg, denn der war das Ziel. Das verlangte alles von mir ab. Und dann, endlich, Wasser! Jetzt nur nicht ins Aus stolpern, um keinen Preis hätte ich noch einmal zurückkehren wollen.

Überglücklich, die Heimat unversehrt erreicht zu haben, begann ich sofort (mit unterkühlten Händen) das Geschirr zu spülen, als ich schon wieder diese lieblichen Stimmen hörte. Es waren dieselben Stimmen, die mich während meines Waldspaziergangs begleiteten. Die betörenden Stimmen der Sirenen

Abenteuerliche Grüße

Frau Oelmann

2 Kommentare

  1. Frau Oelmann said,

    11. Januar 2011 um 19:11

    Liebe Frau Bruckner,
    unter diesen Ihren Umständen bevorzuge ich den Sommer!
    Herzliche Grüße
    Frau Oelmann

  2. Golfwomen said,

    11. Januar 2011 um 11:47

    Liebe Frau Oelmann,

    da haben wir es in Bayern gut: Auf vielen unserer Golfplätze sind Loipen gespurt. Und dann sind die Parkplätze voller als im Sommer beim Präsidenten-Cup…


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