Golfer sein dagegen sehr…

Über Golfer wird hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, dass das jeweilige Handicap Auskunft gebe über die geleisteten Stunden während einer Arbeitswoche. Davon hatte ich nichts gehört oder nicht hören wollen, als ich mit dem Golfspielen begann. Zumal mir die Sache mit dem allgegenwärtigen Handicap-Wahn von Anfang an äußerst suspekt erschien. Andererseits lässt ein Rückblick auf meine „Golfkarriere“ in Sachen Handicapverbesserung kaum einen anderen Schluss zu: Ich unterspielte mich in rasantem Tempo auf unter 20. Jedoch habe ich bis heute bei meinem Chef nicht um eine Anpassung meiner Stundenleistung gemäß meinem Handicap ersucht (bei vollem Lohnausgleich, versteht sich).

Diese Idee kam mir erst kürzlich, als ich mich wieder einmal etwas überarbeitet hatte und weil ich anfing, nachts nicht mehr durchschlafen zu können, weil ich zuweilen überdreht war. Des Nachts, als ich nicht schlafen konnte, fuhr zum Golfplatz und schlug ab an der ersten Bahn, mitten hinein in die vom Sternenhimmel erleuchtete, klare Nacht. Seit Wochen und Monaten waren die Nächte so schön wie die Tage und es hatte einfach nicht geregnet. – Warum eigentlich nicht? War der Einfluss von (ex)inhaftierten Wetterfröschen so groß, dass selbst die Götter erstarrten und uns anhaltende Dürre bescherten? – Der Ball landete wie so häufig direkt neben diesem wunderschönen Baum, von dem ich bis heute nicht weiß, wie er heißt und so nenne ich ihn Baumbart, weil ich ein großer Fan von Tolkien bin (übrigens wäre neben Baumbart noch ausreichend Platz, um eine Hickory-Nuß zu pflanzen). Wenn man sich die Zeit nimmt und genau hinhört, hat Baumbart viele lustige, aber auch unendlich traurige Geschichten über die vielen Golfer zu erzählen, die ihre Bälle regelmäßig in seine Richtung donnern. Seine unterhaltsamen Geschichten fesseln mich regelmäßig und so legte ich mich fortan des Öfteren neben meinen Ball, lauschte seinen Erzählungen und schlief irgendwann – losgelöst allen irdischen Seins – glückselig ein.

Als ich erwachte, weil mir der Wecker auf denselben ging, entschied ich, umgehend meinen Physiotherapeuten, Homöopathen und inzwischen auch persönlichen Berater, zu konsultieren. Es ist sein guter Rat für ver(w)irrte Seelen wie mich, weshalb nicht nur ich ihn regelmäßig besuche. Ich hoffte, dass es nicht bereits zu spät war und er mich vor schlimmeren Zuständen bewahren konnte. Während ich im Wartesaal vor mich hin vegetierte, dachte ich plötzlich an eine meiner Lieblingsgeschichten, an die Geschichte vom Fischer, die wir in der Schule zu lesen bekamen (rückblickend ist es äußerst interessant, wie man auf das Leben in einer Leistungsgesellschaft vorbereitet wird). Als Erwin mich dann herein bat, ging es mir sofort besser. Ich erzählte ihm alsbald von meinem bevorstehenden Urlaub, was meine rasche Genesung einleiten könnte. Ich fahre nämlich wieder nach Bayern, was mir immer mehr eine zweite Heimat zu werden scheint…

Es wird tatsächlich dringend Zeit für Urlaub, denn nicht nur, dass ich nachts nicht besonders gut schlafen kann, ich habe auch begonnen, äußerst seltsame Dinge zu tun. Oder kennen Sie etwa eine Frau, die – wie von der Tarantel gestochen – plötzlich beginnt, wie verrückt am eigenen Auto rum zu machen? Erst rein in die Waschanlage (mit Spezial-Felgenreinigung, die extra Geld kostet, aber nur etwa max. die Hälfte des Geldes Wert ist), dann drei Münzen für Aussaugen verbrät und schließlich der Höhepunkt des Ganzen, als ich, gerade wieder zu Hause angekommen, alle Tür- und Kofferraumfälze auf Hochglanz brachte und Alufelgen polierte! Mein Anblick beim Wienern muss derartig bemitleidenswert gewesen sein, dass mir ein Nachbar ohne zu Zögern umgehend ein Gläschen Sekt über das Balkongeländer kredenzte, wenngleich mir lieber gewesen wäre, er hätte mir die Polierlappen aus der Hand gerissen und die Arbeit übernommen. Stattdessen wollte er mir auch noch sein Auto zwecks Reinigung hinstellen – welch originelle Idee, dachte ich, aber nicht alle Mäuse fängt man mit Speck. Das alles geschehen am Freitagabend nach einer unendlich langen, arbeitsreichen Woche im Betrieb – für so viele Stunden gibt es (noch) kein Handicap.

Ja, ja … mein Auto bedeutet mir schon etwas. Aber primär möchte ich lediglich den allerbesten Eindruck machen, wenn ich meine Bayern-Reise antrete. Und wenn es mir dennoch nicht gelingen sollte, auf den Fairways zu glänzen, dann doch zumindest auf dem Parkplatz mit meinem schönen auf Hochglanz gebrachten neuen, alten Auto! Tja, wie heißt es so schön: Golfer werden ist nicht schwer. Golfer sein dagegen sehr…

Servus!

Frau Oelmann

5 Kommentare

  1. rebel said,

    5. Juni 2011 um 08:01

    Na ja, erheitern ist nur die kleine Freude – mitspielen wäre mir in dem Fall viel lieber…. :(

  2. Frau Oelmann said,

    5. Juni 2011 um 05:49

    Hast ja Recht, rebel!
    Ich werde vermutlich auch gar nicht anders können, als darüber zu schreiben und vielleicht trägt es auch dazu bei, dich dadurch wieder ein bisschen erheitern zu können.
    :-)
    Auch dir einen schönen Sonntag
    Frau Oelmann

  3. rebel said,

    5. Juni 2011 um 05:10

    Aber Frau Oelmann,

    –>Ich bin nicht sicher, ob ich die Matchberichte schreiben soll, da laufe ich ja Gefahr, die Dinge im Nachhinein so zu drehen, wie ich sie gerne gehabt hätte! <–
    Das soll ich ihnen doch wohl nicht glauben? Und selbst wenn, kann man doch für sich selber ein paar Rückschlüsse ziehen wo die eigenen schwächen und stärken liegen und das das nächste mal (davon gehe ich doch auch aus das es eine Fortsetzung gibt) gaaaanz anders machen. ;)

    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag
    rebel (der ganz traurig ist um die verpasste Spielchance)

  4. Frau Oelmann said,

    4. Juni 2011 um 19:53

    Hallo rebel,
    vielen Dank für etwas mehr Daumen drücken, ich kann’s gut gebrauchen! ;-)

    Das ist wirklich schade, dass du nicht live mitspielen kannst. Das hätte uns sehr gefreut!

    Ich bin nicht sicher, ob ich die Matchberichte schreiben soll, da laufe ich ja Gefahr, die Dinge im Nachhinein so zu drehen, wie ich sie gerne gehabt hätte! :-)

    Liebe Grüße
    Frau Oelmann

  5. rebel said,

    4. Juni 2011 um 18:27

    Also ich drücke euch natürlich allen beiden die Daumen, der einen mehr und dem anderen weniger ;)
    Leider kann ich mir das Spiel nicht live ansehen, werde daher auf ihren Bericht (der doch hoffentlich kommt) zurück greifen müssen, evtl. auch mit Bildmaterial?

    bis denne
    rebel


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