Neulich auf der Driving Range

Neulich verirrte ich mich mal wieder auf die Driving Range.

„Sag mal, wann haben die denn hier alles umgebaut?“ fragte ich staunend.

„Ne ne, wie kommste denn darauf? Is alles beim alten!“

Ich war wohl länger nicht hier, dachte ich.

„Du warst wohl länger nicht hier.“

Ich ließ die Blicke schweifen und verlor mich in Erinnerungen. Anderthalb Jahre habe ich hier verbracht, bevor ich Clubmitglied wurde, weil ich mich nicht sofort entscheiden konnte, wie mein weiterer Golfweg aussehen würde. Anderthalb Jahre habe ich Bälle hier auf der Wiese verstreut. Aber auch wieder aufgesammelt. Mit einem Eisen bewaffnet bin die Range abgelaufen und habe aus jedem Unterholz die Bälle zurück „aufs Fairway“ gebracht. Aus jedem Rough knüppelte ich die Kugeln zurück. Zu jener Zeit war ich Caddy für einen angehenden Golfpro. Ich sagte ihm, er könne ruhig an seinem Schwung arbeiten, ich würde die Range schon aufräumen. In jener Zeit hatte ich kaum zehn Runden auf einem Golfplatz gespielt. Ich erinnere mich gut, dass ich am liebsten in der Pitching Ecke meine Zeit verbracht habe. Die Driving Range war mir wie ein zweites zu Hause, ob es stürmte oder schneite, gerne war ich hier.

In der Ferne hörte ich infernalisches Gequietsche, der Ballsammler war unterwegs.

Regelmäßig traf man dieselben Golfer zu denselben Uhrzeiten, am Abend, nach geleisteter Fron. Man begrüßte sich höflich, kam aber nur selten ins Gespräch, schließlich musste man sich ja auf den nächsten Schlag vorbereiten. Mitunter war ich fasziniert von manch einem Golfer, der im Sekundentakt die Bälle die Range runterhauen konnte, Eimer für Eimer für Eimer. Ebenso faszinierte mich diese unheimliche Kondition. Der hat es drauf, dachte ich damals, die ich für jeden Schlag doch ungleich viel mehr Zeit benötigte. Aber vermutlich auch nur deshalb, da ich jeden Schlag genießen wollte. Daran hat sich bis heute übrigens nicht viel geändert, noch immer genieße ich jeden einzelnen Schlag. Manche Dinge ändern sich einfach nicht.

Für diesen vorsätzlichen Besuch auf der Driving Range nach nunmehr über zwei Jahren gab es einen besonderen Anlass. Ich hatte Hausaufgaben von meinem Golflehrer bekommen. Und so zog ich mir ein Körbchen Bälle und suchte mir ein schönes Fleckchen Erde mit den besten Aussichten auf ein positives Trainingserlebnis. Auf halben Weg zum ersten Abschlag sprach mich ein Golfkamerad auf meine Absichten an.

„Sag mal, Sabine, was hast du denn mit den Rangebällen vor?“ Eine gute Frage.

„Äh, wie? Ich will auf die Range und an meinem Slice feilen, auf dass er noch schöner wird.“

„Die Range ist immer noch da hinten, andere Richtung! Warst wohl länger nicht hier, was? Hahaha!“

Ich fand den Weg zurück auf die Range ohne weitere Hilfe. Mir fiel plötzlich wieder ein, dass entlang des Zaunes, hinten in dieser Ecke, unberührte Natur herrschte und kein zerhackter Acker. So positionierte ich mich also ganz am Ende, kurz vor dem Zaun, so wie früher. Endlich einmal ein Vorteil für Linkshänder!

Ich beginne mein warm-up: Ich ziehe mein Eisen 5 aus dem Köcher, schließe die Augen, versetze mich in äußerste innere Ruhe (soweit das unterhalb des Lärmschutzwalles an der Autobahn A 2 möglich ist) und leite meine Schwungbewegung ein. Langsam, noch langsamer, Super-Ultra-Slow-Motion ist angesagt. So spüre ich, was mein Körper mit dem Golfschläger anstellt. Es sind bestimmte Nuancen, die man auf diese Weise sehr intensiv wahrnehmen kann. So erfuhr ich z. B. eines Tages durch diese Übung, die ich für gewöhnlich im Wohnzimmer durchführe, dass mein Griff nicht gut war, da ich in der Ausholbewegung immer nachgegriffen habe.

Es fühlt sich gut an, ich habe Vertrauen in meinen Schwung. Mit meinem Schwung ist alles in Ordnung. Auch mit meinem Slice, stelle ich nach ersten gespielten Bällen fest, aber deshalb bin ich ja hergekommen, um Hausaufgaben zu machen.

Während ich gemach, gemach die Bälle die Range hinunter schieße, stellt sich mir eine letzte Frage: Wie viel Gefühl habe ich tatsächlich? Würde ich mit geschlossenen Augen auch mein eigenes Eisen 5 wieder erkennen?

Gefühlsbetonte Grüße,

Frau Oelmann

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