Der letzte Meter oder: Wie weit ist es bis zum Hades?

Fragen Sie mal einen Golfer, was schlimmer ist: Ein 150-Meter-Slice, der rechts ins Aus in die ewigen Jagdgründe geschickt wird oder ein 1-Meter-Putt, der erst mit dem zweiten oder gar dritten Schubser ins Loch fällt? Diese Frage in geselliger Golferrunde wird jäh zu einem Moment der Grabesstille führen, denn die feinfühligen Sensoren der Golferohren gehen sofort in Alarmbereitschaft, wenn über die Golferhölle „Slice“ oder „1-Meter-Putt“ gesprochen wird. Das Qietschen der auspendelnden Küchentür mutiert zu diabolisch, hämischen Gelächter, das miauen der Mietzekatze auf der Clubhausterrasse kommt einem Sauriergebrüll gleich und jede menschliche Regung und Bewegung erstarrt augenblicklich zur Medusa. Sämtliche Gespräche verstummen, alles dreht sich zu Ihnen um und schaut Sie mit mörderischen Blicken an.

Wenn Sie sich dann, nachdem Sie vor Ehrfurcht peu à peu unter den Tisch gerutscht sind, langsam wieder gefangen und aufgerichtet haben, um diese Frage selbstbewusst zu wiederholen, könnte sich die Stimmung ein wenig gewandelt haben. Irgendjemand wird Sie fragen, wieso Sie ausgerechnet mit dem Golf spielen angefangen haben, aber Sie bleiben standhaft! Dann kommt etwas Bewegung in die Sache. Ähnlich einer Selbsthilfegruppe wird man nach und nach über seine Erfahrungen berichten.

Sie werden viele Berichte hören und auch, dass ein Slice dem Hades entsprungen ist. Einen Slice kann man nicht einfach wieder umtauschen wie einen Fehleinkauf. Er gehört zu Ihrem Golfschwung wie Ihre Seele. Sie müssen sich intensiv mit ihm beschäftigen – willkommen im Hades!

Bei einem 1-Meter-Putt sieht es da schon etwas anders aus, denn es gibt so etwas wie Hoffnung. Es gibt Möglichkeiten, sich auf einen vorbei geschobenen 1-Meter Putt vorzubereiten, noch bevor Sie die Verzweifelung einholt … noch bevor sich anschließend Ihre Arme anklagend gen Himmel strecken, und Sie Stoßgebete murmelnd versuchen, jene seelischen Schmerzen aus dem Leib Ihres gekrümmten Körpers zu pressen … noch bevor der Hades Sie – nach Ihrem schändlichen Slice am Abschlag – einlädt zum Grand Pas de deux. Ja, tatsächlich, es gibt so etwas wie Hoffnung! Sie könnten Vorsichtsmaßnahmen treffen, um schlimmstes Ungemach von Ihnen abzuwenden. Vorbereitungen wie folgt empfehlen sich:

  • Üben Sie hin und wieder, mal mehr, mal weniger aber nie gelangweilt
  • Lassen Sie beim Üben die Putts mal zu kurz, mal zu lang, mal links vorbei, mal rechts vorbei rollen
  • Empfinden Sie auch dann noch Dankbarkeit beim Anblick des Balls, wenn dieser mal wieder neben oder hinter dem Loch anhält. Genießen Sie den wunderbaren Klang des Putters als eine Form der höheren Gefühlswelt, auch wenn der Meter-Putt ausgelippt ist. Genießen Sie eben diese Klangfreuden, die Sie bisher – wenn überhaupt – nur marginal wahrgenommen haben
  • Lassen Sie zu, wie Ihre Konzentration in der Schlagvorbereitung zuweilen von Wünschen begleitet wird aber lassen sie es niemals zu, dass dieser Wunsch, den Ball unbedingt im Loch haben zu wollen, größer ist als die Freude, die Sie gleich über Ihren Klang des Putters empfinden werden
  • Erkennen Sie, dass der Schlag selbst ein Glücksmoment ist und denken Sie immer daran, dass der Roll des Balls und Ihre Bewegung mit dem Putter in unmittelbarem Zusammenhang stehen
  • Balllage hin, Gemütslage her: TUN Sie es einfach, es ist nur 1 Meter, das TUN ist perfekt, DAS ist das Ziel! – Der Ball im Loch nur das Ergebnis

Ob es denn alle Vorsichtsmaßnahmen wären? Nun, wer weiß das schon so genau? 1-Meter-Putts sind schließlich ausgesprochen launische und äußerst sensible Gebilde…

Vorbereitende Grüße

Frau Oelmann

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Mein besonderer Dank gilt Professor Groover, der mich zu diesem Beitrag inspiriert und freundlicherweise Ideen zum Maßnahmenkatalog beigesteuert hat.

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