Von Golfern und Biathleten

Wieder einmal schlotterten meine Knie. Dieser sibirische Ostwind, der eigentlich ein vermeintlich harmloser Westwind war – zumindest gemäß Befund unseres Greenkeepers –, setzte meinen leicht fröstelnden Gebeinen entsetzlich zu, während ich mich nach meinem Abschlag auf den Weg begab. Automatisch reflektierte ich sämtliche Winterbilder in meiner rechten Gehirnhälfte, als ich mit einem Male an Biathlon denken musste, dieser Langlauf-Kombination aus Rennen und Schießen: Zielsichere Schüsse abgeben auf viel zu kleine Scheiben und das bei rasendem Puls. Das hatte mich seit jeher fasziniert. Gab es nicht gewisse Analogien zwischen beiden Sportarten?

Biathleten müssen mitten im Rennen aus vollem Lauf auf 50 Meter ein 11,5 cm kleines Loch treffen (liegend gar nur 4,5 cm). Also wie beim Golf, auf viel zu kleine Löcher schießen. Während ich die erste Bahn in stoischer Ruhe zu Ende spielte, malte ich mir die Golfrunde als Präzisions- und Ausdauersportart aus, schließlich hatte ich auch schon einmal von Golfern gehört, die über den Platz rennen. Ich fragte mich, ob wir Golfer es nicht sogar ein bisschen schwerer haben. Wir müssen aus allen Distanzen auf viel zu kleine Löcher schießen, und zwar auf lediglich 10,8 Zentimeter kleine Löcher. Ich ließ meine Blicke über die Anlage schweifen und realisierte, dass dieser leer gefegt war. Bemerkenswert, denn ich war zu keiner Unzeit unterwegs. Hatte ich womöglich den Evakuierungsbescheid in meinem Viertel überhört? Aber mit derartigen Belanglosigkeiten wollte ich mich jetzt nicht weiter beschäftigen. Am Abschlag der zweiten Bahn angekommen, gab es kein Halten mehr.

Energisch schob ich nach dem Abschlag mein 3-Rad an und trabte los. Ziemlich außer Atem ob dieses Kaltstarts stolperte ich dem Ball auf dem Grün entgegen und versuchte, ruhig zu putten, was mir nicht ganz leicht fiel. Die folgenden Bahnen befasste ich mich sogleich damit, das Tempo rechtzeitig wieder zu drosseln, um die Atmung für den nächsten Schlag unter Kontrolle zu bekommen. Ich begriff (ausnahmsweise einmal) sehr schnell, dass die Atmung eine gewisse Rolle spielt beim Zielschießen. Die nächsten Bahnen verliefen diesbezüglich noch etwas holperig, jedoch kam mein Puls von Bahn zu Bahn auf eine komfortable Betriebstemperatur und so spielte ich mich zunehmend besser ein. Es entwickelte sich ein großartiges Gefühl, unter diesen Anstrengungen, in schussgerechter Pulsierung einen Ball spielen zu müssen. Nach und nach verspürte ich einen seltsamen Kontrast, wenn er so da lag, der Ball. Ich kam japsend angehechelt und er verharrte jedes Mal in stoischer Ruhe, seinem Schicksal entspannt entgegen sehend (ich glaubte zwischendurch, dass er mich zuweilen sogar anzwinkerte). Aber noch großartiger war es schließlich, wenn der Ball dann tatsächlich auch sein Ziel fand – Zielschießen aus vollem Lauf, grandios!

Unterwegs befasste ich mich noch mit der Frage von Strafrunden. Konnte man eine weitere Analogie herstellen? Wie sollte eine Strafrunde bei einem Fehlschuss aussehen? Ich überlegte zunächst, was als Fehlschlag zu werten sei und erklärte einen Schlag, der das Grün in Regulation nicht trifft, als Fehlschlag … als ich meinen Puls hämmern hörte. OK, auch gut, erst einmal ohne zusätzliche Strafrunden. Ich steigerte mich auch ohne Strafrunden von Bahn zu Bahn in einen regel(ge)rechten Rausch und registrierte erst, dass ich mich in einer Form von Run & Shot Flow befand, als ich plötzlich wie aus dem Nichts nach der 16. Bahn unverhofft gegen diesen Staudamm rauschte, einen gemütlich tingelnden 3er Flight. Das Schicksal der Titanic kam mir in den Sinn. Die Gentlemen haben mich vermutlich deshalb nicht durchspielen lassen, da sie mich aufgrund meiner Lichtgeschwindigkeit erst gar nicht wahrnehmen konnten. Ich verzieh ihnen … zumindest dieses eine Mal!

Ich brauchte einige Minuten, um alles Irdische wieder vollständig wahrzunehmen, so sehr hatte ich mich in dieses Rennen hinein gesteigert. Als ich abbog in Richtung Parkplatz, passierte ich unser Clubhaus und schaute auf die große Uhr: 18.15 Uhr, was bedeutete, dass ich die 16 Bahnen nach ca. 6.500 Metern in etwa 105 Minuten und exakt 73 Schlägen absolvierte. Müde und selig erschöpft zu Hause angekommen, ließ ich mich auf der Couch nieder und ließ die Runde noch einmal Revue passieren. Ich befand es als eine schnelle Runde und vom Ergebnis her gar eine recht passable Runde. Ich spürte, wie sich meine Gesichtszüge erhellten, denn ich wusste nach nunmehr einigen Jahren des Golfspielens inzwischen um mein persönliches Geheimnis des Erfolgs: ich ließ es laufen…

Berauschende Grüße,

Frau Oelmann

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5 Kommentare

  1. Stephan said,

    31. Mai 2012 um 13:39

    Mal wieder ein interessanter Beitrag! Wir waren auch am Wochenende mal wieder auf dem Platz!

  2. Frau Oelmann said,

    9. Mai 2012 um 19:25

    Ich stelle mir gerade den Anblick aus der Vogelperspektive vor, wenn dann der ganze Tross aufläuft auf den einzigen gemütlich tingelnden Flight, der die local rules für das WE nicht gelesen hat! :D

    Liebe Rita, wenn du dabei gewesen wärst, hättest du mein „Tempo“ natürlich gänzlich relativiert, denn dann wäre ich nur hinter dir her gehechelt! :-)

    Allerdings fühle ich mich heuer ein klein wenig frischer für die Bergziegenkurse, als im letzten Jahr. Ich hoffe nur, dass ich mich in meiner Vorbereitung nicht schon zum jetzigen Zeitpunkt zu sehr verausgabt habe! ;-)

  3. Stephan said,

    8. Mai 2012 um 20:35

    Man oh man, wieder voll in Aktion die Dame! Hut ab!

  4. Rita Weidner said,

    6. Mai 2012 um 15:13

    Liebe Sabine, bei dieser Runde wäre ich gerne dabei gewesen … Ich habe mich über den Artikel sehr amüsiert …
    Herzlichst Rita

  5. 360hcopa said,

    6. Mai 2012 um 10:14

    Also Sie sind schon ne verrückte Maus, aber man sollte das am Wochenende zum Standart machen, besser wie HCP Begrenzungen…..(;-)


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