Interview mit Eugen Pletsch

Vor ziemlich genau sechs Jahren hatte ich ein eher satirisches Interview mit Eugen Pletsch veröffentlicht, hingegen das nachfolgende Gespräch zu seiner persönlichen „golferischen“ Entwicklung sowie Fragen zur Entwicklung des Golfsports einen etwas ernsteren Charakter aufzeigt … und doch: Viel Vergnügen!

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Interview mit Eugen Pletsch

Frage: Ist Golf nach wie vor ein Sport nur für reiche Leute?

EP: Heute muss man nicht mehr wirklich wohlhabend sein, um Golf spielen zu können, aber es gibt versteckte Kosten. Ich habe mehrfach beschrieben, wie man Golf preiswert ausüben kann und kenne etliche Spieler, die alles andere als reich sind. Man kann sagen: Wer dieses Spiel liebt, der findet seine Nischen. In der Szene des golferischen Undergrounds sind Tausende unterwegs. Vermutlich war ich einer der ersten „neuen Golfer“, die in den 80er Jahren begannen, das Golfspiel in Deutschland auf unkonventionelle Weise zu erforschen.

Frage: Wie kam es dazu? Kannst Du das etwas ausführen?

EP: Versuchen wir es in Kurzform: Ich selbst, mit meinem alternativ-subkulturellen Hintergrund, kam zum Golf wie die Jungfrau zum Kind. Von Golf wusste ich überhaupt nichts und hatte weder politische noch ökologische Vorurteile. Selbst von Bernhard Langer hatte ich noch nie gehört, als ich Tages in einem Garten in Luxemburg stand und beobachtete, wie mein schottischer Gastgeber mit merkwürdigen Gerätschaften hantierte. Dann bot er mir an, es selbst zu versuchen. Sein Golfbesteck war für Linkshänder und so begann ich mit links zu spielen.

Frage: Und dann?

EP: Es dauerte mehr als ein Jahr, bis ich mein „Coming Out“ als Golfer hatte. In meinem damaligen Bekanntenkreis erlebte ich meist Unverständnis, manchmal sogar den Vorwurf, ein Gesinnungsverräter zu sein, der zum Klassenfeind übergelaufen ist. Nicht alle Freunde dachten so, aber was Golf ist und was mir Golf bedeutet, haben nur die wenigsten verstanden. Als dann der „Weg der weißen Kugel“ erschien, schrieb ich: „Golf ist mein Weg geworden, meine Übung, mein Tao“. Hätte ich mich damals für irgendeine obskure asiatische Sekte entschieden, wäre mir das von manchen Leuten eher verziehen worden.

Frage: Und wie wurdest Du in dieser Zeit von den Golfern empfangen?

EP: Da gab es eine andere Form der Ausgrenzung: Wenn ich in einem Golfclub trainieren wollte, nicht mal auf dem Platz, sondern nur auf der Driving Range und dem Putting Grün, dann begann der Affentanz mit dem Clubsekretariat. Der damalige DGV-Chef-Ruderer Ulrich Libor hatte in einem Interview deutlich gemacht, dass wir „Clubfreien“ letztendlich Schnorrer wären. Nach diesem Interview wurde jegliche Golfambition für uns zum Spießrutenlauf. Damals war der Golfsport tatsächlich noch den „Eliten“ vorbehalten. Dass Clubfreie nur Schnorrer sind, wird leider auch heute noch kolportiert, obwohl die „Clubfreien“ – bei differenzierter Betrachtung –  ganz erheblich zum Umsatz beigetragen haben, ganz abgesehen davon, dass die VcG der Zahlmeister der Golfnation ist.

Frage: Du hattest in den 80Jahren erste Leserbriefe in Golfzeitschriften zum Thema Clubfreie Golfer veröffentlicht…

EP: Richtig – und es gab nur eine Person, die jemals darauf antwortete und fragte, warum gerade ich, der Clubfreie Golfer die VcG als Initiative des DGV kritisieren würde.

Frage: Der damalige DGV-Präsident Jan Brügelmann?

EP: Korrekt. Er war der erste und letzte DGV-Offizielle, der sich für meine Gedanken interessierte. Dass wir neuen Golfer auf Industriebrachen, Fußballplätzen oder Flussauen herumhackten, machten wir nicht, weil wir bekennende Cross-Golfer gewesen wären, sondern weil uns jeglicher Zugang zum Golfspiel verwehrt wurde.

Frage: Und warum bist Du nicht in einen Club eingetreten?

EP: Ich war damals in der Modebranche tätig und ständig unterwegs. Außerdem gab es noch die Wartelisten, von denen Golfclubs heutzutage nur träumen können.

Frage: Wie ging es dann weiter? Wie kamst Du zu Clubausweis und Handicap?

EP: Damals entstand gerade der DVG Overath, die erste und letzte Interessenvertretung von Golfspielern in Deutschland. Der DVG wurde schnell zum Sammelbecken „freier Golfer“. Was Etikette und Regeln anging, wurde die Sache sehr ernst genommen, denn der DVG konnte seine Verbands-Turniere nur auf wenigen Plätzen abhalten, die den Mut hatten, sich dem Mobbing des DGV zu wiedersetzen. Beim DVG ausgebildete Spieler genossen da, wo man sie spielen ließ, einen ausgezeichneten Ruf. Unsere Spielfähigkeit mussten wir stets auf fremden Plätzen beweisen. Das hat meinem Spiel nicht geschadet.

Frage: Aber dann war Schluss mit dem DVG?

EP: Ja, man beschloss, die Schafe gemeinsam zu scheren und der DVG wurde der VcG einverleibt.

Frage: Von manchen Club-Präsidenten wird die VcG als Anfang vom Ende gesehen?

EP: Die VcG hat richtig Geld eingebracht. Davon ließ sich mancher Blödsinn finanzieren, für den der DGV kein eigenes Geld verplempern wollte. Wäre die VcG nicht dem DGV untergeordnet, sondern eine eigenständige Vertretung der Golfspieler, hätte sie eine Marktmacht, mit der sich arbeiten ließe.

Frage: Aber die Golfclubs bauchen Mitglieder, um zu überleben…?

EP: Ja, das ist die ewige Diskussion. Aber wenn auf die Zahl der Club-Spieler mindestens noch mal die gleiche Zahl an Golfern hinzukommt, die es aus irgendwelchen Gründen ablehnt, Mitglied in einem Club zu werden, dann sollte das endlich mal akzeptiert werden. Weltweit sind Societies, also Golf-Gesellschaften ohne eigenen Platz, eher die Regel als die Ausnahme. Anstatt diese Gruppen herzlich zu begrüßen, werden sie hierzulande nach wie vor als Golfer 2. Klasse behandelt. Na, stimmt nicht ganz: Mittlerweile sind manche Clubs derart abgebrannt, dass man nur den Sonnenstudio-Ausweis vorzuzeigen braucht und schon ist man auf dem Platz.

Frage: Nochmal zurück zu Deinen Anfängen. Wie ging es für Dich persönlich weiter?

EP: Auch auf Grund von familiären Bindungen fuhr ich öfter nach Schottland, wo ich mehr als 10 Jahre Mitglied in einem Golfclub war. Meine Reisen auf die Insel, zur OPEN und in die Highlands vermittelten mir damals eine Idee, was Golf sein kann.

Frage: In dieser Zeit entstanden die ersten Geschichten zum „Weg der weißen Kugel“?

EP: Richtig. Besonders die „Geschichte vom vogelfreien Golfer“ war eine wütende Abrechnung mit dem deutschen Funktionärs-Golf. Und gewisse Geschichten kündigten das an, was ich später als „Golfgagaismus“ bezeichnet habe.

Frage: Wie war das mit dem „Weg der weißen Kugel“?

EP: Seit der „WEG“ 1995 als BOD-Taschenbuch erschien, (seit 2005 im KOSMOS-Verlag, Stuttgart), wurde meine Satire als bösartige Polemik beschimpft. Ich galt als Nestbeschmutzer, dabei hatte ich gar nichts anderes gemacht, als das aufzuschreiben, was ich in der deutschen Golflandschaft erlebt und erlitten hatte.

Frage: Das Buch wurde immerhin ein Sparten-Bestseller…

EP: …und wurde mit jeder Auflage (bis 2015) entsprechend der neusten Irrungen und Wandlungen der Golf-Behörden aktualisiert. Nachdem der DGV kürzlich behauptet hat, das Konzept der Platzreife wäre nur mal so eine Idee und überhaupt nicht bindend für alle Clubs, müssen jetzt übrigens ALLE Golfbücher überarbeitet werden.

Frage: In welcher Szene hast Du Dich damals bewegt?

EP: Ich war einer dieser „anderen Golfer“, die keinen DGV-Stallgeruch hatten. Viele von uns haben ihre erste Runde an der Lausward gespielt und sind nach Schotten zum Öko-Platz von Heribert Schlapp gepilgert. Ich hackte manchmal in der Dunkelheit auf irgendeiner Range herum, nur um das Gefühl zu haben, auf einem echten Golfplatz zu sein.

Frage: Hast Du das Spiel richtig gelernt?

EP: Nein, nie – sonst könnte ich ja Golf spielen. Meine erste Golfstunde hatte ich bei einem Golflehrer im Hessischen, der mich sehr herablassend behandelte. Mein schottischer Schwiegervater vermittelte mir dann Stunden bei Andrew Bruce im Grand Ducal, Luxemburg, den ich sehr geschätzt habe. Im Grand Ducal durfte ich problemlos trainieren und das ist wirklich ein exklusiver Club. Drei Jahre lang fuhr ich fast jeden Monat nach Luxemburg…bis Andrew seinen Job als Pro an den Nagel hängte und einen Pub eröffnete.

Frage: Und zwischen den Golfstunden?

EP: Ich übte fast jeden Abend irgendwo auf einer Wiese. In den ersten drei Jahren war ich nur einmal mit meinem damaligen schottischen Schwiegervater auf einem „echten“ Golfplatz, besagtem Grand Ducal, und lernte, wie man einen Schläger so in einen Baum wirft, dass er hängen bleibt.

Frage: Aus dieser Zeit stammen auch einige Deiner Geschichten?

EP: Na ja, in 30 Jahren Golf erlebt man einiges. Viele Leser, Golfer und Nichtgolfer, haben mir seitdem mitgeteilt, dass ihnen meine Geschichten ein gänzlich anderes Bild vom Golfspiel vermittelt hätten. Das ist mir das Wichtigste.

Frage: Damit wären wir wieder beim Image.

EP:  In meiner Arbeit beschreibe ich andere Facetten des Spiels, das gängige Image wird von mir höchstens karikiert. Trotzdem würde ich es sehr begrüßen, wenn sich das Image des Golfsports bessern würde. Aber nochmal: Solange die Suche nach einem „besseren Image“ nur der Versuch ist, insolventen Golfclubs neue Mitglieder zuschanzen kann, wird sich nicht viel ändern. Eine wirkliche Veränderung wird nur kommen, wenn man sich darauf besinnt, was Golf eigentlich ist.

Frage: Was ist Golf für Dich?

EP: Um das zu beschreiben, habe ich vier Bücher verfasst. Manche Golfer ahnen oder wissen, dass es noch etwas anderes gibt, als die übliche Klischees, die mit dem Golfsport verbunden sind. Sie suchen die Ursprünge des Spiels, die Begegnung mit sich selbst und mit dem, was man als „Spirit of the Game“ bezeichnet. Diese Golfer versuche ich in meinen Schriften anzusprechen.

Frage: Und wenn diese Deutung nun auch von Offiziellen des Golfsports in ihrer Werbung übernommen wird?

EP: Die Botschaft hör‘ ich gern, allein mir fehlt der Glaube. Der Glaube daran, dass es sich um einen wirklichen und nicht nur taktischen Gesinnungswandel handelt.

Frage: Wo spielst Du?

EP: ‚Mein‘ Club ist der DGV-Leistungsstützpunkt Golfpark Winnerod. Besonders auf unserem öffentlichen Kurzplatz kann man die wunderbarsten Entdeckungen machen, Menschen jeden Alters, die man in freier Wildbahn kaum jemals mit GOLF in Verbindung bringen würde.

Frage: Als Buchautor, Kolumnist und Betreiber des Golfportals www.cybergolf.de bist Du mittlerweile ‚full time‘ in der Golfbranche tätig.

EP: Ob das so klug war, ist die Frage. Egal wie die dick die Autos auf den Parkplätzen sind – in den Clubs hat offensichtlich niemand mehr Geld. Die Proshops sind pleite und viele Clubs haben sich beim Clubhausbau verhoben und knabbern jetzt an den Fingernägeln. Die „Eliten“ sind nicht mehr gewillt, so nachzuschießen, wie man das einst konnte und bei Clubs mit vorwiegend mittelständischen Clubmitgliedern fallen die Mitgliederzahlen wie Blätter im Herbst. Gerade hat der DGV die Durchhalteparole veröffentlicht, nach der Golfanlagen ein vermehrtes Mitgliederwachstum erwarten. Dazu kann ich nur sagen: Träumt weiter, denn solange das Clubmitglied in vielen Clubs wie ein ungeliebtes Fernmitglied behandelt wird, ist die einstige Identifikation mit dem „eigenen“ Golfclub sehr gering. Wie ich bereits an anderer Stelle mehrfach schrieb: Ein Golfclub sollte seinen Mitgliedern sportliche, aber auch gesellschaftliche, geschäftliche und kulturelle Perspektiven anbieten. Dann rechnet sich das.

Frage: Das geschieht Deiner Ansicht nach nicht mehr?

EP: In vielen privaten Clubs ist das noch immer der Fall, bei Clubs die ‚Betreibergesellschaften‘ gehören, wird das immer weniger, soweit ich das beurteilen kann. Gerade der gut gemeinte ‚Servicegedanke‘ macht Mitglieder zu Gästen, die Identifikation mit dem eigenen Platz lässt immer mehr nach. Das sieht man an den Divots und den Pitchmarken.
Das Problem besteht aus meiner Sicht darin, dass man einerseits kein Elite-Sport sein will, andererseits die spielerischen Fähigkeiten, die Etikette, aber auch die allgemeinen Umgangsformen erheblich nachgelassen haben. Wenn man die elementaren Werte dieses Spiels opfert, um sich als ‚Breitensport‘ anzubiedern, verliert man die Essenz dessen, was das Golfspiel ausmacht.
Die Überlegungen, wie man Golf attraktiver gestalten könnte, werden ja nur getroffen, weil die Bilanzen nicht stimmen und man sich die flattrige ADS-Generation einverleiben möchte, die ohne Gegröle, Saufen und Trara sofort gelangweilt wäre. Auch in manchen privaten Clubs ist die „Öffnung“ unredlich und nur von finanziellen Interessen bestimmt.

Ich finde es gibt – zumindest in meinem Alter – nichts Attraktiveres und Spannenderes als das Golfspiel. Ich liebe die Schönheit einer Golflandschaft und ganz besonders auch die Stille. Sofern man sich flüssig über den Platz bewegen kann, fehlt es doch an nichts, oder?

Frage: Was hältst Du von den neuen Trends im Golfsport?

EP: Du meinst Golf in Stadien – wie in Phönix, Arizona, wo der besoffene Mob tobt? Das alles hat für mich nichts mit Golf zu tun. In diesem Sinne bin ich tatsächlich ziemlich konservativ geworden.  Andererseits sollte es viel mehr Pitch und Putt-Plätze für Familien geben, meinetwegen auch mit größeren Löchern. Aber nennt das dann bitte MIDI-Golf. Golf soll Spaß machen, besonders den Kindern, aber wer sich dann dem ‚echten‘ Golfspiel nähern möchte, der sollte es dann auch richtig lernen.

Frage: Was wäre zu tun?

EP: Anstatt die Löcher größer und die Bahnen kürzer machen, müsste sich der DGV um eine geistige Renaissance der ‚golferischen‘ Werte bemühen. Das will aber niemand wirklich, weil das eine erneute Kritik heraufbeschwören würde ‚elitär‘ zu sein. Es ist ja leider schon so: Wer heute Manieren hat und einer Dame die Tür aufhält, gilt bereits als elitär, was mit der Verluderung der allgemeinen Sitten zusammenhängt. Golferische Werte stehen aber auch den wirtschaftlichen Interessen der Betreibergesellschaften entgegen, die neben einigen reichen, erzkonservativen Waldschraten mittlerweile den Ton bei dem DGV angeben.

Was manche traditionelle Werte des Golfspiels angeht, stimme ich mit der Meinung vieler ‚konservativer‘ Golfer durchaus überein – nur was die Clubfreien angeht, da kommen wir nicht zusammen. Da werden die alten Herren richtig giftig. Vielleicht ist das so eine Art Golf-Senilität, der man nicht beikommen kann.

Frage: Wie erlebst Du das in den Clubs?

EP: Als ich anfing, bei meinen Lesungen auch ein paar ernste Töne zum ‚Spirit of Golf‘ anzuschlagen, dachte ich erst, das würde meine Zuhörer langweilen – aber nein – in manchen Clubs gab es da den meisten Beifall. Das mag aber damit zusammenhängen, dass die Besucher meiner Lesungen meist Ü50 sind und manche von denen das Golfspiel (zu Zeiten des Handicaps 36) noch richtig lernten und zu dem, was heute auf den Plätzen passiert, nur den Kopf schütteln können.

Frage: Wer kommt zu Deinen Lesungen?

EP: Im Moment niemand, weil Präsidenten nicht auf höfliche Anschreiben antworten und der Vergnügungsausschuss, sofern erreichbar, kein Vergnügen bei dem Gedanken hat, dass drei Tage Arbeit plus Anreise und 90 Minuten Lesung ein Honorar erfordern. Aber wenn es durch glückliche Zufälle zu einer Lesung kommt, dann sind es meist ca. 50-100 Personen die sehr viel Spaß haben. Nicht alle – es gibt immer einen im Club, der mürrisch schaut und nicht weiß, wovon ich rede – aber immerhin die meisten. Humor ist aus meiner Sicht ein Grundpfeiler des Golfspiels, was leider von Golflehrern kaum gelehrt wird, da die in ihrem Club oft selbst nichts zu lachen haben … aber das wäre anderes Thema …

Vielen Dank für das Gespräch.

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Eugen Pletsch nach verschobenem Putt...

Eugen Pletsch nach verschobenem Putt…

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